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Fragen im Sommer

  • Autorenbild: Fabian Kremser
    Fabian Kremser
  • 30. Juni
  • 7 Min. Lesezeit

"Wer bist du, wenn niemand zusieht?"


In meinen Coachings ist das eine der Fragen, die ich meinen Kundinnen und Kunden gerne einmal stelle, wenn sie so weit sind. Konkret heisst das: wenn man gemeinsam an einem Punkt angelangt ist, an dem es Sinn macht, sich mit den tiefer liegenden "Schichten" auseinander zu setzen. Mir selbst begegnet sie ebenfalls immer wieder. Selten so deutlich wie am letzten Wochenende.



Frankfurt! Oder genauer: Ironman Frankfurt! 2002 fand dort die erste Ausgabe des Ironman Germany statt, nachdem das Rennen in Roth zu eben jener Challenge Roth geworden war, die heute den Status einer Legende hat. Und seither war es auf meiner "Bucket List".


Für dieses Jahr hatte ich es dann endlich geschafft, mich anzumelden. Nach dem "Neustart" in Cervia im Herbst 2025 war ich denn auch ganz guten Mutes und peilte das Rennen in der Metropole am Fluss als ersten, grossen Event des Jahres an.


...doch dann liefen verschiedene Dinge halt einmal mehr nicht so, wie ich mir das gedacht hatte. Wer hier in den Beiträgen stöbert, kann eine Idee bekommen davon, was so alles in mir vorging.


Aber wisst ihr was?


Ich merke, dass sich eine gewisse Müdigkeit breit macht bei mir. Dieses "eigentlich, aber dann..."


Ist das nicht einfach das Leben? Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt?


Manchmal kann man im Internet den Eindruck gewinnen, dass die ganze Welt nur von Menschen bevölkert ist, die ihr Leben bestens im Griff haben, die ihr Training täglich "nailen", die ihre "nutrition crushen", die ihre "carbs hitten"... alle "racen" jedes Wochenende in "stacked fields" (und lassen dabei auch gerne mal ausser Acht, dass das vielleicht eine etwas gewagte Bezeichnung für die fünf Nasen ist, die sich am Volkslauf in Hinterpusemuckel zum Ringlepiez mit Anfassen getroffen haben) und "hauen" ein Reel nach dem anderen "raus", in denen sie erklären, wie die Welt im Grossen und Ganzen funktioniert.


Das kann einschüchternd wirken. Aber die Realität sieht immer ein klein wenig anders aus.


Das Internet hat aber auch sein Gutes, in diesem Fall die Tatsache, dass ich nicht mehr gross ausholen muss, um zu erklären, was am Sonntag in Frankfurt anstand: Hitzerekorde und am Freitag die Ansage, dass das Rennen deswegen gekürzt würde. Oh, was gingen die Wogen steil! "Ich habe mich für einen Ironman angemeldet, nicht für einen Pussyman!", "Das soll doch Triathlon sein und kein Kindergeburtstag!", "Ich habe mich 6 Monate vorbereitet, ich will eine volle Distanz!", "Das ist wieder mal typische Abzocke!"... oder, wie man es auch zusammenfassen könnte: "Ich, ich, ich".


Bleiben wir mal kurz objektiv: Bei 40 Grad im Schatten ohne Schatten ist selbst ein Spaziergang nichts triviales. Mit dem Unterschied, dass man den nicht unternehmen würde, weil... na, spinnst du bei der Hitze? Das ist doch gefährlich? Aber 226 Kilometer an der prallen Sonne scheinen eine valide Freizeitbeschäftigung zu sein.


...und vielleicht ist das der erste Check in die Realität, den man einmal unternehmen sollte? Ja, wir alle investieren viel Zeit, Geld und Energie in unsere Leidenschaft. Doch abgesehen von ein paar wenigen an diesem Tag ist der Triathlon, egal, wie sehr wir ihn lieben, immer noch ein Hobby. Und ein Ironman am Ende eine Freizeitveranstaltung. Das sollte man nicht vergessen...

und wenn man die Kreise ein wenig weiter zieht? "Tut mir Leid, Frau Meier, der Notarzt kann sie leider nicht holen kommen. Zum einen sind gerade alle Notaufnahmen der Stadt überlastet und zum anderen die Strassen gesperrt. Ausserdem ist eh kein Sanitäter frei, die sind alle draussen. Warum? Ach, so ein paar 1000 komische Typen meinten, es sei eine gute Idee, bei den Temperaturen Rad zu fahren und zu laufen..."


Dass solche Gedanken mit Zynismus abgetan und diejenigen, die sie im Vorfeld geäussert hatten, als "Weicheier", "Sissies" und ich weiss nicht was sonst noch verschrien wurden, sagt leider mehr über unsere Gesellschaft im allgemeinen und, vor allem anderen, die Triathleten im besonderen aus als irgendwem lieb sein kann. Wir rühmen uns so sehr damit, "Sportlich" und "Fair" zu sein und nach einem hohen, ethischen Codex zu leben... bis das Leben passiert und man sich mit der Tatsache konfrontiert sieht, dass es auch noch andere Menschen auf der Welt gibt.


Solche Dinge finde ich schade und ich hoffe sehr, dass wir alle daraus lernen können.


Und mein Rennen?


Wie schon gesagt war ich im Vorfeld nicht sonderlich auf Kurs und hatte mehrfach das Bedürfnis verspürt, alles abzusagen. Dass ich toll darin bin, mir Ausreden zurecht zu legen, kann ich ohne Umschweife zugeben, nur... da war eben auch noch diese andere Stimme, die im Hinterkopf sehr beharrlich sagte: Nein, ich WILL das.


Es war das erste Mal, dass ich alleine an so einen Event fuhr. Vor Ort traf ich zwei weitere Athleten und gute Freunde aus der Tricademy sowie deren Begleitung respektive Familie und das war ein toller Rückhalt für mich, doch das Ganze darum herum fühlte sich auf einem Level einsam an, den ich schlicht und einfach nicht mag. Das heruntergekommene Hotel, das total überhitzte Zimmer (das lag allerdings am Wetter, nicht an der Absteige), die Stadt selber, die mir wirklich, wirklich nicht gefiel (sorry, Frankfurt)... das alleine war schon nicht einfach. Doch wie schon eingangs erwähnt, war da diese kleine Frage: Wer bist du, wenn niemand zusieht? Es war die Gelegenheit, das herauszufinden.


Dass die Organisation von dem ganzen Event ihre Macken hatte, sei kurz erwähnt, doch auch hier: das Internet kann euch das in den schillerndsten und tobendsten Emotionen beschreiben, das braucht meinen Senf nicht auch noch. Es war heiss, es war schwierig und was das Team und die Volunteers da am Ende auf die Beine gestellt haben, war ein bewundernswerter Kraftakt. Das sei auch einmal erwähnt, im Besonderen die Freiwilligen. Ohne die geht an diesen Events nämlich nichts, so wirklich gar nichts und dass die an diesem Sonntag stundenlang der knallenden Hitze ausgesetzt waren, schien von den Athleten niemanden gross zu stören... doch ich schweife wieder ab.


Die Vorbereitung hatte alles: ein Plattfuss vor dem CheckIn, ein Chaos bei der Startnummernausgabe, Improvisation, Hektik, Stress. Hitze, Hitze, Hitze... wie viel Wasser und Salztabletten ihren Weg durch meinen Hals gefunden haben an diesen Tagen, weiss ich nicht mehr. Wohl nicht genug, denn am Rennmorgen wachte ich mit allen Anzeichen von Dehydrierung auf: Verspannung, schwere Glieder, Kopfschmerzen. Mein Zimmer hatte keine Klimaanlage und der kleine Ventilator hatte nicht wirklich geholfen. Ich hatte auf einem heissen Bett in einem heissen Zimmer in einer heissen Stadt genächtigt und das Ergebnis war eine starke Erinnerung daran, dass ich keine 20 mehr bin. Immerhin: ich weiss nun aus erster Hand, was "Sous-Vide-Garen" bedeutet.


Als ich dann am Langener Waldsee den Shuttlebus verliess, kam er erste Niesanfall, gefolgt von einem Anstieg meiner Herzfrequenz. 140. Im Stehen. Ups. Auch das kannte ich aus den letzten Wochen: Irgendwas verteilte da seine Pollen auf einer Skala, dass mein ganzes System hochfuhr. Na dann.


Alles andere vor dem Start unterdessen bald Routine: Fahrrad pumpen, Schuhe montieren, Verpflegung anbringen, das Übliche. Ab in den See, der mit 29,1°C kuschelig warm war. Wir durften also ohne Neoprenanzug schwimmen - und trotz sonst verkürzter Strecken die vollen 3,8 Kilometer. Beim Schwimmen einmal mehr ein Asthma-Anfall, der mich dieses Mal jedoch nicht komplett überraschte. Es ging weiter.


Und dann?


Diesmal waren es 125 Kilometer auf dem Rad. Vom See zur Stadt noch angenehm, da erstens früh und zweitens im Wald. Kaum in der Stadt angekommen, fuhren wir jedoch an eine Brandmauer aus Hitze. Auf dem Land draussen war das etwas angenehmer, da ein kleiner Wind wehte, doch ab spätestens halb 10 Uhr morgens war das Martinshorn gefühlt ein permanenter Soundtrack und blieb es bis am Abend. Fahren auf Strassen, die ausser Orts wirklich gut waren, innerhalb der Stadt jedoch von einer Qualität dass es ein Wunder ist, dass nicht mehr passierte. Unmarkierte Bodenwellen, die manch eine Trinkflasche in die Stratosphäre katapultierten, Schienen der Strassenbahn, Schlaglöcher, in der Hitze weich gewordener Teer. Alles, was das Herz begehrte und ich dachte mir mehr als einmal, dass wir doch auch so auf unsere Kosten kamen: trivial war das kein Stück.


Danach lief ich. 21,1 Kilometer, 2 Runden am Main entlang. Manchmal im Schatten, manchmal an der prallen Sonne. Wasser, Eis, Wasser. 2min später wieder so, als wäre nichts gewesen. Schritt für Schritt.

Etwa 6 Kilometer vor dem Ziel rief mir der Sohn einer meiner Freunde zu, dass ich an vierter Stelle meiner Kategorie lag und nur 14 Sekunden zurück auf den dritten Rang. Ich beschloss, zu leeren, was noch im Tank war. Als ich wenig später dann am Römerberg über die Ziellinie lief, waren daraus 17 Sekunden Vorsprung geworden.


Und das war mein Erlebnis in Frankfurt.



Wenn es hier so klingt, als wäre ich über einen Podiumsplatz in meiner Altersklasse nicht erfreut, dann tut es mir leid. Natürlich freue ich mich darüber! Doch ich will hier auch ehrlich sein: dieser 3. Rang ist nicht DAS Positive, das ich aus dem Rennen mitnehme. Auch wenn es undankbar erscheint: ich fuhr noch am selben Abend zurück in die Schweiz.


Was ich vielmehr aus dem Wochenende mitnehme ist, dass ich eine Antwort auf die eingangs gestellte Frage gefunden habe.


Wer bist du, wenn niemand zusieht?


Offenbar der gleiche, sture, auch nach über 25 Jahren leidenschaftlich vom Triathlon begeisterte Typ, der nicht weiss, wann Schluss ist. Ganz einfach, weil es keine Option ist, es NICHT nochmal zu versuchen, es nicht so lange einfach weiterzuziehen, bis es wirklich nicht mehr geht. Das Wochenende hatte mir nun wirklich viele, viele Steine in den Weg geworfen und ich wurde mehrfach vor die Frage gestellt: Ist es das alles wert?


Ja.


Ganz einfach.


Ob ich nochmals in Frankfurt starten werde, kann ich derzeit nicht sagen. Es hat so etwas von "been there, done that, got the T-Shirt". Eins mit langen Ärmeln, zum Glück bei diesem Wetter. Jetzt ist es Sommer, es steht Erholung an und dann will ich den Schwung mitnehmen, um das nächste Rennen anzupeilen. Da geht es nämlich wieder nach Cervia. Und darauf freue ich mich bereits jetzt.


Last but not least: auch wenn es eine recht einsame Veranstaltung war, war ich doch nicht alleine in Frankfurt und mein Dank von Herzen gilt im Besonderen Meik, seinem unzerstörbaren Supporter Patrick, Martin und seiner Familie Yvonne, Fabio und Nino. Mit euch am Start sein und euch später gesund wieder im Ziel umarmen zu dürfen war ohne Umschweife das Beste an dem ganzen Wochenende. Und ohne Fabios Zurufe vom Streckenrand hätte ich es kaum mehr geschafft, noch so tief zu gehen. Danke, dass ihr da wart. Ich freue mich aufs nächste Mal.


Und natürlich gilt das auch für alle, die aus der Ferne, am Ticker oder sonst wie dabei waren: die ganze Community der Tricademy, meine Familie, meine Freunde. Danke für alles.


Herzlich,

Fabian






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