Frühling
- Fabian Kremser

- vor 2 Tagen
- 7 Min. Lesezeit
…und dann ist es auf einmal Frühling. Es wird immer früher hell, die Vögel beginnen bereits in der Dämmerung, vor dem Küchenfenster zu singen und man könnte meinen, die ganze Welt holt Anlauf.

Noch ist es dunkel. Du sitzt in der Küche und heulst in deine Kaffeetasse, weil du ein Lied hörst, das dir am Vorabend eine Freundin aus Deutschland geschickt hat und das es mal wieder schafft, in wenigen Zeilen Dinge zum Ausdruck zu bringen, die du nicht auf vielen Seiten oder gar Büchern erklären könntest. Und das wirft dich aus der Bahn. Damit umzugehen ist nicht leicht.
Dann war ich eine Weile lang im Koma, jetzt bin ich endlich wieder wach
Und ich hab euch Blumen und Pralinen vom Arsch der Hölle mitgebracht
Ich lerne langsam wieder laufen und sprechen, ich gebe den Dingen einen Namen…
Kid Kopphausen, „Das Leichteste der Welt“
Es ist noch nicht allzu lange her, dass ich nach einem ziemlich krassen Höhenflug nicht minder heftig auf dem Boden der Tatsachen aufschlug und realisierte: nein, Heilung ist nicht linear und diese verdammten Kreise machen das Leben teils zu, nun… was der da gerade singt. Dass der Dezember und der Januar nochmal nicht allzu toll waren, kam da nicht überraschend. Die dunkle Jahreszeit war einmal mehr wirklich düster. Doch im Gegensatz zu den letzten Jahren war sie dann allerdings sehr schnell vorbei, wofür ich dankbar bin.
Wie schnell?
Sagen wir es so… es ist nun Ende April und gefühlt bin ich irgendwo im Februar angekommen.
Aber… gerade das ist ja eines der grossen Themen. Das mit dem „fühlen“. Da funktioniert nämlich einiges nicht so, wie es sollte. Oder, wenn ich noch ehrlicher bin: nicht so, wie ich das gerne hätte.
Was ist eigentlich eine Depression?
Bis heute kann das, glaube ich, niemand wirklich sagen.
Oh, es gibt medizinische Definitionen und Versuche und mir wurde auch schon oft erklärt, was denn da eigentlich bei mir los sei. Istjaganzlogisch, der Typ auf Instagram hat gesagt... fragt man die Googlerina, spuckt sie einem nach weniger als einer Sekunde aus, was auf Wikipedia eben so gehandelt wird:
"Depression ist eine häufige, ernsthafte psychische Erkrankung, die durch anhaltend gedrückte Stimmung, Interessenverlust und Antriebslosigkeit gekennzeichnet ist. Symptome sind oft Schlafstörungen, Hoffnungslosigkeit und körperliche Beschwerden. Die Diagnose erfolgt durch psychiatrische/psychotherapeutische Gespräche. Behandelt wird mit Psychotherapie, Antidepressiva oder einer Kombination."
Wow.
Einfach… wow.
Ich meine… ja, das ist schon alles zutreffend.
Aber… wow.
Versteht das nicht falsch. Es ist nicht so, dass das per se falsch wäre und egal, mit welchen Betroffenen ich in den letzten Jahren gesprochen habe (und damit sind nicht nur die Erkrankten selbst gemeint, sondern auch deren Umfeld und in seltenen Fällen Therapeuten) - alle würden das auch unterschreiben. Nur ist es eben… noch nicht alles. Noch lange nicht. Und das wirklich fiese an dieser kosmischen Shitshow ist, dass jede und jeder die Krankheit selber wie auch ihre Auswirkungen und Extremen komplett und absolut unterschiedlich wahrnimmt.
Das hingegen ist nicht verwunderlich. Das geht ja schon bei einer gewöhnlichen Grippe los: da gibt es Menschen, die sowas mit einem Schulterzucken abtun während jemand anders vom exakt gleichen Erreger wochenlang niedergestreckt wird. Der Mensch ist nun mal einzigartig und das zeigt sich… überall. Ironischerweise sind wir uns genau darin unendlich ähnlich.
Meine persönliche Erfahrung war und ist auf der einen Seite genau das, was so „treffend“ als Definition dieser Krankheit angegeben wird. Und gleichzeitig auch wieder… so gar nicht? Machen wir doch mal einen kleinen Kopfsprung da hinein.
„Anhaltend gedrückte Stimmung“
Ich glaube, das ist eines der ersten Dinge, die sehr, sehr schnell falsch verstanden werden. Die Stimmung ist bei vielen, mit denen ich gesprochen habe, nicht etwa „anhaltend gedrückt“. Das war sie auch bei mir nicht. Sie war vielmehr… gar nicht mehr vorhanden. Als es bei mir los ging, war das erste, das ich bemerkte, dass sich nach und nach die Farben aus der Welt zu stehlen schienen. Ja, das Gras war grün, der Himmel blau, nur nahm ich das mit einer ähnlichen Intensität war, mit der ich die künstlerische Tiefe einer Wachskreidenkritzelei aus der Waldorfschule registrieren würde. „Ah. Kenn ich. Irgendwie nicht so geil und dezent negativ behaftet?“
Es war ganz einfach so, dass Dinge, die mich zuvor in helle Aufregung versetzt hatten, ganz einfach ihren Glanz verloren.
Gehört das nicht zum Erwachsenwerden dazu?
Ganz ehrlich… ihr könnt mich alle mal kreuzweise.
„Erwachsen werden“… das ist wohl die erbärmlichste Ausrede für „sich selbst verlieren“, die es überhaupt gibt. Egal, wie alt ich war, ich konnte mich schon immer an Dingen erfreuen, die zwar vorderhand unwichtig und klein zu sein schienen, für meine Welt jedoch die Textur der Leinwand waren, auf der ich versuchte, meine kleine Geschichte zu malen.
Ein Ameisenhaufen im Wald, ein Bagger auf einer Baustelle, die Wellen, die der Wind im Gras zieht, Wasser, das sich bewegt… ich hatte immer den Eindruck, dass mir das Leben selbst seine Hülle und Fülle pausenlos als Geschenk ins Gesicht klatscht und fand praktisch immer etwas, das es zu lieben galt.
Das… ging weg. Langsam. Es verzog sich kaum merkbar und hinterliess ein Grau, das in etwa so viel Enthusiasmus und Freude ausstrahlte wie das ganze neofaschistische Quartier in Rom.
Was es in mir auslöste war Trauer. Trauer ob des Verlusts. Trauer ob der Trauer selbst. Angst, das alles nie wieder zurückzubekommen. Hallo, Panickattacken. Der Wunsch, dem allem zu entkommen. Noch mehr Angst, unterdessen um die eigene Existenz. Ein sich ausbreitendes Gefühl der absoluten Wertlosigkeit. Ich konnte ja nichts, niemand mochte mich (ich selbst allen voran), ich war nicht gut genug, würde es auch nie sein. Unter vielem, vielem anderen.
Anhaltend gedrückte Stimmung… ja, so kann man das nennen.
Und wie ist es mit Interessensverlust und Antriebslosigkeit?
Das Gleiche. Es war nicht so, dass ich meine Interessen verlor. Vielmehr schienen sie sich in einem grauen Meer aus Hoffnungslosigkeit und Unfähigkeit zu ertränken. Wer schon einmal an Rand eines Ozeans gestanden hat weiss: die Dinger sind gross, scheinbar endlos und gerne auch mal überwältigend.
All das kostet Kraft. Oh, so viel Kraft. Gleichzeitig kann man nicht genug essen, um die nötige Energie aufzunehmen. Man - ich, vergessen wir nicht, dass ich hier wirklich nur über meine eigene Erfahrung sprechen kann - greift zu Zucker. Viel davon. Jedes bisschen Süsse ist recht um die kleine, noch immer flackernde Hoffnung zu nähren, dass man dadurch wieder fühlt. Etwas, IRGENDWAS. Wenn schon keine Liebe, Hoffnung, Zuneigung, Selbstwert, dann wenigstens… ein bisschen Freude? Man verhandelt mit sich selbst. Mit der Welt. Die Antwort ist immer die Gleiche: „Nein“. Das einzige, was reagiert, ist der unterdessen fremd gewordene Körper. Der nimmt an Gewicht zu. Was heisst, dass auch der Sport immer mehr zur Belastung wird, von einem „Ablenken“ oder „Ausbrechen“ kann schon lange keine Rede mehr sein.
Und da wären sie dann, die Schlafstörungen, denn all das schmeisst die Denkmurmel an. Nun geht man jeden Abend mit einem Mitbewohner ins Bett, der einen abgrundtief hasst und nichts lieber tut, als einen auch um den letzten Rest des Friedens zu bringen: die paar wenigen Stunden Schlaf, in denen man vielleicht, vielleicht noch ein wenig innere Ruhe fände.
Ganz sicher nicht! Wir gehen jetzt den Tag durch und holen uns jede kleinste Möglichkeit ab, die wir gegen uns interpretieren können! Das melken wir, bis die Kuh umfällt! Nicht schnell genug auf eine Nachricht geantwortet? Unzuverlässiger Penner! Nicht beizeiten das Essen auf dem Tisch gehabt? Wie soll irgendjemand um dich herum auch nur irgendwas erledigen können? Die Wäsche nicht zusammengelegt? Ha, die Verwahrlosung ist nicht mehr aufzuhalten. Was kannst du eigentlich?
Bitte. Bitte! Bitte sei endlich still!
Wieso denn? Ich bin noch lange nicht fertig, und wenn ich es wäre, hätte ich noch tolle Neuigkeiten zum Abschluss: ICH BIN DU! Ist das nicht toll? Lass uns nochmal eine Runde drehen, weil’s so schöner Horror war! Hieronymus wer?
Interessensverlust und Antriebslosigkeit.
Wenn es von aussen so aussieht, lasst mich euch sagen: Totale, innere Leere und die komplette, physische Unfähigkeit, sich auch nur zu bewegen trifft es in meinem Fall eher. Und ja, das beinhaltet auch das Aufstehen am Morgen. Es gab Zeiten, in denen das rein körperlich nicht möglich war. Nicht „ich hab’ nicht so bock“ oder „es fällt mir heute schwer“.
Es war. Nicht. Möglich.
Für die meisten unvorstellbar. Doch es wird noch besser. SO viel besser. Denn… da sind ja auch noch die kleinen, aber wirklich nötigen Verpflichtungen, die man hat, um die eigene Existenz zu bewahren.
Darin war und bin ich absolut top. Das kann ich WIRKLICH gut: So tun als wäre alles in Ordnung. Wie gut? Ich weiss nicht mehr, wie oft ich den Satz gehört habe: „Was? Man hat dir gar nichts angemerkt, ich hatte ja keine Ahnung!“
Nun… es musste eben einfach weitergehen. So lange, bis es das nicht mehr tat, aber das ist ein Thema für einen anderen Tag.
Heute, bald 8 Jahre später, geht es mir besser. Es geht mir zeitweise sogar gut, auch wenn es noch immer schwierig ist, das zuzulassen. Denn da ist nach wie vor ein Bereich in meiner Brust, der irgendwie… leer zu bleiben scheint. Nach dem Ironman in Cervia letztes Jahr gab es einen Moment, in dem ich dachte, dass dieser „Motor“ wieder zu laufen begonnen hatte. Vielleicht tat er das auch, denn was ich da auf einmal wieder fühlte, war… intensiv, um es wie frei nach Wikipedia auszudrücken.
Vor kurzem habe ich mich am Beckenrand des Schwimmbads meiner Wahl mit einem Mann unterhalten, der seine eigene Last zu tragen hat. Wie wir alle. In Bezug auf Depressionen finden wir uns irgendwie immer schnell. Takes one to know one? Sei es wie es ist. Er meinte: „Den Mist wird man irgendwie nie mehr los, was?“
Das… sehe ich anders.
Oder besser: Nein, das verweigere ich. Ich weigere mich, zu meiner Diagnose zu werden, weigere mich zu akzeptieren, dass ich für den Rest meines Daseins kaputt sein soll. Dinge einfach hinzunehmen… das war noch nie mein Ding.
Mir ist es egal, wie oft ich meine Kreise ziehen muss. Klar wär’s schön wenn es anders wäre, aber gleichzeitig bin ich der Typ, der stur genug ist, 20 Jahre für einen einzigen Moment zu arbeiten. Warum also nicht noch länger für etwas weitaus grösseres?
Mag sein, dass ich eine Dauerparkkarte am Arsch der Hölle gelöst habe. Irgendwann läuft die ab. Irgendwann wache ich auf und komme zurück.
Und dann bringe ich euch Blumen und Pralinen mit.
Herzlich,
Fabian




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