• Fabian Kremser

Horizonte

"Meine Sys- und Diastole

Dazwischen der Moment

Getragen von den Vögeln

Die hier zugange sind

In der Enklave meines Herzens

In der ich mich verlier..."


Einstürzende Neubauten - Nagorny Karabach



Vor ziemlich genau einem Monat hiess es in der Schweiz: "bleiben sie zuhause". Was sich in Italien schon lange anbahnte, ja, weltweit, hatte endlich auch das kleine Binnenland in der Mitte Europas erreicht und gemessen an der Art der Reaktionen auf die verhängten Massnahmen von Bundesrat und Co. könnte man schliessen, dass viele Eidgenossen auch dieses Mal dachten, dass die Coronakrise etwas ist, das anderen passiert.


Ups.


Dies wäre jedoch nicht die Schweiz, wenn die am Abend des 16. März ausgerufenen Massnahmen, der "Lockdown", ganz ohne Trara und Theater über die Bühne gegangen wäre. Denn natürlich bot es sich an, diesen Ausnahmezustand zu nutzen um... nun, in meinem Falle, mir einmal klar vor Augen zu führen, wie himmelschreiend unnötig bis überflüssig so unendlich vieles ist, das wir in unserem Alltag als "normal" ansehen.


Es hatte für mich den Anschein, als würde in den ersten sieben Tagen der Quarantäne auf einmal jeder einzelne, sozial auch nur irgendwie leicht alternativ oder selbsterklärt "anti-mainstream" eingestellte Mensch das Coronavirus als Sprungbrett nutzen um der Welt im Allgemeinen und den Sozialen Medien im Besonderen mitzuteilen dass wir: In einem Polizeistaat leben, Chemtrails existieren, jede einzelne jemals daheronanierte Verschwörungstheorie wahr ist, die Politiker und Politikerinnen alle von der Mafia gekauft sind und Toilettenpapier und Billignudeln offenbar die neue Währung im sich nun erhebenden vierten Reich... und so weiter. Leute, die vermutlich das letzte Mal in der Mitte der Neunziger Sport getrieben hatten schwärmten in Scharen über Wiesen und Felder, man konnte ältere Leute ohne Helm im öffentlichen Verkehr mit Motorrollern fahren sehen und jüngere ebenda auf Rennrädern. Nicht lange und ich war willens, meinerseits von einer eigenen Theorie absolut überzeugt zu sein: es musste einen zweiten Strang dieses Virus' geben, von dem man uns nichts sagte. Einen, welcher direkt das Gehirn attackierte...


Womit ich keinesfalls behaupte möchte, dass nicht auch ich in den letzten Wochen ab und an kleine Anflüge alltäglichen Wahnsinns, eher auch bekannt als Lagerkoller, durchlaufen habe. Man kann es drehen und wenden wie man will, mehrere Stunden täglich am Computer zu arbeiten, alternativ dazu an Ort und Stelle in die Pedale zu treten und sich dabei auf Netflix und co. jeden erdenklichen Müll einzuverleiben hilft nun mal nicht sonderlich, wenn es um innere Balance geht. Doch ich glaube, bis hier hin habe ich mich gar nicht mal so schlecht geschlagen...


Gut genug zumindest, um mich auch wieder einmal mit meiner Umwelt zu beschäftigen. Dazu habe ich derzeit zwar auch nicht gerade endlos viele Möglichkeiten, doch einmal die Woche steht der Gang zum Supermarkt auf dem Programm.

An und für sich gehe ich ganz gerne einkaufen, vorzugsweise zu Zeiten, zu denen ich die entsprechenden Läden nicht gerade proppenvoll erlebe und entgegen aller guten Vorsätze dennoch immer wieder genau dann. In den letzten Wochen hat sich das jedoch etwas geändert, denn die Szenen in den Supermärkten stimmen mich... nachdenklich?


In der ersten Woche nach dem Aufruf der Regierung, zuhause zu bleiben und Abstand zu halten, war ich angenehm überrascht. Beim Eingang der Coop-Filiale meiner Wahl ging es ruhig und bedacht zu, man blickte sich seitlich etwas peinlich berührt an und versuchte offenbar, sich zu vergewissern, dass ja, Herr und Frau Meier von nebenan ebenfalls nun auf Abstand blieben, die zwei Meter einhielten und sich alles in allem etwas gemässigter verhielten als sonst.


Eine Woche später. Entgegen aller Erwartungen gab es sowohl wieder Toilettenpapier als auch Nudeln, auch Wasser war wieder vorhanden. Was dagegen offensichtlich innert der letzten sieben Tage zur Neige gegangen war, war die Geduld der Menschen... vor dem Laden noch ruhig und gesittet, ging es drinnen zu wie... nun, drängeln schien zum neuen Volkssport geworden zu sein, es schien als müsste dringend für die abgesagten Schwingfeste kompensiert werden und es fehlte gerade noch, dass man sich um die letzten Gurken balgte. Vergessen war der Sicherheitsabstand, vergessen, dass man sich nicht gerade ins Gesicht atmen sollte. Da stand Herr Meier nun stark gestikulierend vor dem Gemüse, während er sich bei seiner (vermutlichen) Gattin lauthals darüber beschwerte, dass er nur noch zwei in Cellophan eingepackte Kopfsalate vor sich sähe, der Rest sei Offenware (auf die er dann eben auch mal kurz nieste).


Wieder eine Woche später - wieder ein anderes Bild. Und hier wurde mir bewusst, dass wir zum einen in der Tat erst ganz am Anfang unserer Probleme stehen und zum anderen dringend einmal überdenken sollten, ob wir uns ein "Zurück zur Normalität" tatsächlich wünschen sollten. Denn mal ganz ehrlich: wir haben in den letzten zehn, zwanzig Jahren viel empirisches Beweismaterial dafür gesammelt, dass das, was wir als "normal" verstehen, langfristig nicht wirklich funktioniert. Wir haben uns eine Welt geschaffen, in der Jede und Jeder ein Star ist, sich selbst die oder der Nächste, das Zentrum der Welt sowieso und vor allem so dermassen WICHTIG, dass es gar nicht genug Klicks und Likes geben kann auf TikTok, Instagram, Facebook und wie sie alle heissen. Und es ist exakt dieses vermessene, fehlgeleitete Selbstbild unser aller, welches jetzt langsam, aber sicher zu wanken beginnt. Was sich hinter der Tapete verbirgt, ist nicht etwa DaVinci's letztes Abendmahl, sondern die Fratze einer Gesellschaft, in welcher der Nachbar, den man vielleicht vorher nicht sonderlich mochte, aber dennoch duldete und täglich grüsste, auf einmal zum Feind wird.


Es ist ruhig geworden im Supermarkt, auch wenn kurz vor Ostern eingekauft wurde, als stünden die Russen am Rhein. Man schleicht mehr durch die Regale als dass man drängelt. Die Gesichter sind, wenn noch ohne Schutzmasken, müde und eingefallen, oft entnervt. Die Augen hingegen wach und... suchend. Das Gegenüber (oder Nebendran) wird gescannt, analysiert, untersucht. Hast DU vielleicht Corona? Kannst DU mich anstecken? Bist DU eine Gefahr für mich?


Peinliche Berührtheit, Aggression, Futterneid und nun... die Mitmenschen. Jede und Jeder ist zu einer potentiellen Gefahr für das eigene Leben geworden, so hat es zumindest den Anschein. Schuld ist natürlich die Regierung, sind die sozialen Medien, sind alle... nur nicht wir selbst, denn wir verhalten uns ja vorbildlich, wollen das alles gar nicht. Hey, wir treffen uns nur AUSNAHMSWEISE und weil Ostern ist mit unseren Nachbarn, wir sehen uns doch sowieso die ganze Zeit, das spielt doch keine Rolle... oder? Ach, unser Vater wird nur einmal fünfzig Jahre alt, eine Ausnahme schadet doch nichts, wir sind ja verwandt... oder? Aber der da, der mit Atemmaske durch den Supermarkt schleicht und müde aussieht... der ist sicher ansteckend, warum tut denn da keiner etwas? Den sollte man einsperren, wenn der mich jetzt ansteckt, gefährdet er die Spielfreunde meiner Kinder, die heute Nachmittag trotz allem vorbei kommen, denn, hey - wir sehen uns ja eh die ganze Zeit und da kommt es nicht so drauf an... oder? ODER?


Unsere Welt, unser Leben, besteht aus Bewegung. Derzeit steht die Welt still - also bewegen wir uns. Wir sollen das zwar nicht und halten uns mehrheitlich daran, doch wir drehen uns weiter. Und wenn nicht weiter, dann drehen wir zumindest... durch?


Ich denke, dass wir als Menschheit eine einmalige Chance haben, diesen Stillstand zu nutzen und unsere Welt auf eine Art und Weise zu gestalten, in der wir möglicherweise auch in hundert Jahren als Spezies noch existieren. Oder in tausend. Oder in zehntausend. Kaum eines davon werde ich noch erleben, doch der Gedanke gefällt mir.


Was mir jedoch gar nicht gefällt ist der Gedanke daran, dass all' unser Mitgefühl, unsere Zwischenmenschlichkeit, unsere Nächstenliebe, nichts weiter waren als "inspirierende Zitate" auf Instagram etc. oder aber ein vorgegaukeltes Mittel zum Zweck in der Hoffnung auf ein Himmelreich.


Wir klatschen von unseren Balkonen für die sogenannten "Essentiellen Arbeitskräfte", tun das jedoch mit der leicht befangenen Erleichterung, dass es SIE sind, die an vorderster Front stehen, und nicht wir. Auch vergessen wir dabei, oder wollen gar nicht erst wahrhaben, dass sie keine Heldinnen und Helden unserer Gesellschaft sind, sondern vielmehr die Sklavinnen und Sklaven der Neuzeit. Sie MÜSSEN tun, was sie tun, weil sie ansonsten womöglich wortwörtlich auf der Strasse landen. Und ob auch nur jemand, der gerade eben via Social Media das aktuellste Zitat des Dalai Lama mit Tränen in den Augen wiederholt hat, einen davon bei sich aufnehmen würde, sei dahingestellt, denn... wir sollen ja Abstand halten, oder?


Vieles verändert sich derzeit und eines davon ist, dass wir vielleicht mehr Masken aus Papier tragen, die jedoch stattdessen unser Innerstes offenbaren. Dieses kleine Virus, so tödlich und gefährlich es auch sein mag, hat innerhalb weniger Wochen geschafft, was zuvor nicht einmal die Abwürfe von Little und Big Boy über Hiroshima und Nagasaki gelungen ist: alles kam zu einem Halt. Durch das entstandene Bewegungsmoment dieses Notstops bröckelt die Fassade der Normalität, immer schneller und stärker. Und ich glaube nicht, dass wir jemals wieder ganz zurückkehren werden.


Ehrlich gesagt weiss ich auch nicht, ob ich mir das wünschen soll. Denn einmal mehr: "Normal" hatte offensichtlich nie die Chance, langfristig wirklich zu funktionieren...


Doch was kommt stattdessen? Ich weiss es ebenso wenig wie alle anderen auch (abgesehen natürlich von den Reptiloiden Bilderbergern, zu deren Masterplan all' das hier gehört). Doch Folgendes weiss ich, glaube ich zu wissen: Es wird nicht reichen, in den sozialen Medien zu Besonnenheit aufzurufen, Empathie zu predigen und Anteilnahme zu versichern. Es wird nicht reichen, dankbar zu sein. Es wird nicht reichen, vom Balkon aus zu klatschen, die Hilferufe kleiner, eigenständiger Firmen auf Instagram erst zu "liken" und dann zu ignorieren, um gleich darauf das selbe Produkt dennoch bei Amazon zu bestellen. Es wird nicht reichen.


Wenn diese Krise vorbei ist - und sie WIRD vorbei gehen - wird sich zeigen, was daraus gelernt wurde.


Ich versuche, meinen Teil dazu beizutragen. Ob und wie vorbildlich ich mich dabei verhalte, kann ich selbst nicht beurteilen. In meiner Enklave versuche ich so gut es eben geht, meiner Arbeit nachzugehen, für diejenigen, für die ich es kann, da zu sein und ihnen zu helfen, so weit es in meiner Macht steht. Und wenn ich mehr tun kann, dann werde ich auch das. Bis dahin bin ich... hier?


Herzlich,

Fabian



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