Ansichten
- Fabian Kremser

- 3. Juli 2024
- 7 Min. Lesezeit
Eine Polemik über "Popmusik". Weil Donnerstag ist und mir danach.

Micky Mouse’s body bag is FedExed from Kabul
Minnie Mouse, she wonders why the body bag’s half full
Oligarchs and Oil Barons tell Walt Disney the news
John Wayne marches off to war in Donald Duck’s shoes…
Alabama3, 2010, “Vietnamistan”
Nie in den "Billboard Hot 100" gelistet
Als vor mehreren Jahrzehnten die Popkultur zu einer eigenständigen solchen wurde, galten die aufkommende Musik und ihre Interpreten als verschrobene, unruhestiftende Wüstlinge, ohne jeden Sinn für Moral und Ordnung und kamen, je nach dem wen man fragte, als direkte Boten des Satans aus der Hölle.
Auch wenn es uns heute lächerlich erscheint, dass Künstler wie die Beatles, Bob Dylan und Elvis Presley, die brav in Anzug und Krawatte auftraten, den damals Erwachsenen Angstschauer über den Rücken jagen konnten, so hatten diese Bedenken doch einen gewissen Grund.
Während des wirtschaftlichen Aufschwungs im 19. Jahrhundert entdeckte man zumindest in Europa und Amerika gewisse Grundsätze der Ethik und der Moral, welche man geflissentlich in die Erziehung der Heranwachsenden mit einbezog. (Dass hierzu je nach Land oder Gegend durchaus auch Rassenhass, religiöser Fanatismus und ein glühender Chauvinismus querbeet mit einbezogen wurden, lassen wir für einmal ausser Acht).
Zwei Weltkriege später erholte sich eine gebeutelte Generation von den Schrecken, welche die spärlich verfügbaren Medien damals verbreitet hatten: von Stalingrad über die Normandie und die Ardennen mit einem Zwischenhalt in Auschwitz bis zu Hiroshima und Nagasaki deckte der Jahre andauernde Konflikt den Bedarf an Horror einer ganzen Weltbevölkerung ab. Das Resultat der auf das Ende dieser Chimäre folgenden Erleichterung bekam den Begriff «Baby-Boomer» aufgestempelt und fand, inklusive Ku-Klux-Klan und Apartheid, wieder zu den schon Jahrzehnte zuvor propagierten Werten wie Fleiss und Ordnung zurück. Der Aufschwung war da, Wohlstand erschwinglich und der Fortschritt…
Nun, da nach den vierziger Jahren immer mehr und mehr Gegenstände des Alltags elektrisiert wurden, brauchte es an sich niemanden zu überraschen, dass auf einmal auch Dinge wie Gitarren und Orgeln nicht mehr ganz so volkstümlich klangen. Doch unterdessen gab es etwas, das die vorherrschenden Grundfeste der Moral gehörig erschütterte: Fernseher und Radios in mehr oder weniger jeder Wohnung, womit dieser neue Frevel namens "Rock" und "Pop" auf einen Schlag allen zugänglich wurde.
Dass Jugendliche gerne rebellieren war damals wie heute aktuell, doch was die "Rüpel" der Neuzeit in ihren Liedern sangen, schlug an mehr als einem Ort ein wie Dynamit. Denn: Auch wenn man die meist jungen Männer im Licht der Scheinwerfer als verkrachte Existenzen bezeichnete und ihnen teils wohl gerne die Menschenwürde per Dekret entzogen hätte, so handelte es sich bei vielen dieser Künstlerinnen und Künstler vor allem um eines: durchaus gebildete, sprachgewandte Poetinnen und Poeten, die nicht nur etwas zu sagen hatten, sondern zum Entsetzen einer aus heutiger Sicht eher biederen Welt auch noch wussten, WIE sie etwas sagen und transportieren mussten, um Gehör zu finden. So ersangen und teilweise erschrien sie sich den Zugang zu den Herzen und nicht zuletzt Gehirnen junger Menschen, die sich inspirieren und antreiben liessen.
Die Folgen liessen nicht lange auf sich warten. In den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entflammte in Vietnam ein Konflikt, der bis heute nur sehr schwer zu begreifen ist. Millionen liessen ihr Leben, genaue Zahlen sucht man noch immer vergeblich. Auch hier war es in erster Linie die Zivilbevölkerung, die mittels teils sehr willkürlich abgefeuerten Maschinengewehren, Bomben, Granaten und Napalm mit Gewalt dezimiert wurde – während knapp zwanzig Jahren.
Was unterschied diesen Krieg von den Vorangegangenen? Es war ja schliesslich nichts Neues, dass die Rüstungsindustrie ihre Stahlblüten am liebsten in Kriegsgebieten aufgehen liess und dass völlig unbeteiligte Menschen den Grössenwahn ganzer Nationen auf ihren Schultern austragen mussten.
Was hingegen bis anhin nie dagewesen war, war die Tatsache, dass die ganze Welt zusehen konnte. Der Vietnamkrieg kann noch heute den fragwürdigen Rekord für sich beanspruchen, der (bisher) längste Konflikt der Fernsehgeschichte zu sein. Und damit war der Krieg mit allem drum und dran in den Wohnzimmern angekommen, wo er brav Tag für Tag auf Knopfdruck konsumiert wurde – nicht zuletzt von den Baby-Boomern, welche zu dieser Zeit gerade zu Teenagern heranwuchsen und das begannen, was man als Teenager eben tut: rebellieren.
Vielleicht lag es daran, dass die Erleichterung über den vermeintlichen Weltfrieden die Kindheit jener Generation so sehr geprägt hatte, dass die adoleszente Auflehnung gegen die Gesellschaft in diesem Fall eine Richtung einschlug, die man schon bald als «Flower Power» bezeichnen würde. Frieden durch Gemeinschaft und Toleranz, Rebellion gegen das Establishment durch sexuelle Freiheit und Poesie. Und all dies begleitet von einem aufregenden Soundtrack, der die Stimmung dieser Gegensätze einfing wie nie zuvor. Bob Dylan sang, dass die Antwort vom Winde verweht sei, Pete Seeger und Marlene Dietrich fragten die Welt, wo die Blumen geblieben waren, Creedence Clearwater Revival prangerten das Los der privilegierten Söhne an und die Rolling Stones malten alles schwarz.
Diejenigen, welche sich an den Konflikten eine goldene Nase verdienen oder sie zumindest geflissentlich ignorieren konnten, sahen all dem mit Schrecken zu und riefen einmal mehr den Untergang des Abendlandes dank der verschrobenen Musik aus. Hätten Geschichte und Krieg Gestalt und Gesicht, wären sie wohl zwei etwas tatterige, ältere Herren mit einem schlechten Erinnerungsvermögen und der Tendenz, sich selbst zu wiederholen…
Natürlich ist es etwas weit hergeholt zu sagen, dass die Popmusik eine derart grosse Rolle in der Geschichte hatte. Doch gleichzeitig kann man sagen, was man will – Rock ‘n’ Roll, Flower Power, Punk… sie machten einen Unterschied, da sie die Menschen dazu brachten, in sich zu gehen, nachzudenken, um dann aus sich herauszukommen. Wenn man behauptet, dass früher alles besser gewesen sei, auch die Musik, so kommt mir in erster Linie diese Tatsache in den Sinn: früher rief die Musik die Menschen auf, zu DENKEN.
Und heute?
Dass ich kein grosser Befürworter der allgemeinen Mediensucht meiner eigenen Generation bin ist kein Geheimnis. Was viele jedoch nicht verstehen können ist, weshalb ich so eine strikte Abneigung gegen so ziemlich alles habe, was derzeit als "gute Musik" gilt, sprich, einmal mehr durch Radio und Fernseher in unsere Wohnzimmer transportiert wird. Nein, nicht nur in die Wohnzimmer – auch in die Küchen, Schlafzimmer, Autos, auf die Telefone… rund um die Uhr werden wir mit etwas berieselt und teils behämmert das meiner Meinung bestenfalls die Bezeichnung "seelenloser Lärm" verdient hat. Denn: da denkt niemand mehr nach. Da wird nur noch berieselt.
Das soll kein Seitenhieb auf persönliche Vorlieben sein. Über Geschmack liess sich noch nie streiten und ich bin der Ansicht, dass gerade in unserer ziemlich auf dem Kopf stehenden Welt alle jedes erdenkliche Mittel nutzen sollten, das ihnen ein wenig Glück verschafft.
Die Generation "Special Snowflake", die einem Destillat des wirtschaftlichen Wohlstandes der frühen neunziger Jahre gleicht und der damit einhergehenden Illusion, alles wäre machbar, bekommt rund um die Uhr eingetrichtert, wie toll sie doch sei und vor allem, dass sie es verdient habe, von der Welt wahrgenommen zu werden, es sich gut gehen zu lassen, auch mal "abzuschalten", im "jetzt zu leben", "Fehler zu machen", und… so… weiter…
Die Quintessenz kann man in einem einfachen Satz erfassen: Dröhn’ dir dein Gehirn in die digitale Demenz und erhebe den Anspruch, dass Andere für die Lösung deiner Probleme verantwortlich sind. Und: sei entrüstet und wütend, wenn sich die Welt nicht um dich schert...
Und auch diese Generation hat ihren Soundtrack. Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass man durch Forschung und Studien sehr genau weiss, durch welche Sorte von Rhythmus, welche Frequenz der Bässe und welche Kombination von Akkorden in den Hörern Glücksgefühle ausgelöst werden, ohne den Umweg über etwas so Profanes wie Textinhalt oder Sprachverständnis zu machen. Ein Lied ist dann "gut", wenn es möglichst wenig Gehirnaktivität erfordert. Mixt man dies mit etwas Alkohol und den bunten Farben einer Diskothek, ist das Resultat nicht weit entfernt: eine Menge berauschter Realitätsflüchtlinge, deren Anspruch an das Niveau immer weiter sinkt während das Gefühl, etwas Besonderes zu sein mit dem Recht auf Sonderbehandlung, bis in eisige Höhen steigt.
Die Musikindustrie hat dies natürlich längst begriffen. Wie sonst könnte man es erklären, dass Menschen, die zum Beispiel in den Jurys gewisser Castingshows sassen und die Welt damit unterhielten, verbal so primitiv um sich zu schiessen, dass einem das Gehirn aus den Ohren zu fliessen drohte, dermassen Erfolgreich waren? Es kann nicht um den Inhalt der Musik gegangen sein. Und das muss es auch nicht mehr. Sie wird nicht mehr komponiert, sondern konstruiert – nach Algorithmen, die ein möglichst grosses "Feel-Good"-Erlebnis garantieren bei einem Minimum von Selbstreflektion. Und dieses Momentum macht vor nichts halt. Vor ein paar Jahren erlebten Beispielsweise die "Vier Jahreszeiten" von Vivaldi einen Aufschwung – grundsätzlich ja begrüssenswert, schockierend allerdings aus einem einfachen Grund: niemand wusste mehr, wer Vivaldi war, stattdessen hatte ein Schmierfink, dessen Namen ich hier nicht nenne möchte, dieses fantastische Werk in Samples umgewandelt, durcheinandergemischt und mit eben jenen "Beats" und "Basslines" unterlegt, bei denen das Gehirn abschalten und man einfach nur "geniessen" kann. "Re-komponiert" nannte man dieses Verbrechen an der Menschheit.
Vor nicht allzu langer Zeit habe ich wieder einmal einen Bericht gelesen an dessen Ende die nicht ganz ohne Stolz unterstrichene Behauptung stand, dass alle Sorgen, die man sich mache, an sich unnötig wären: die heranwachsenden Generationen sehnten sich mehr und mehr nach alten Werten, der Verlust der Kultur sei noch weit weg. Offen bleibt die Frage, was es da überhaupt noch zu verlieren gibt, wenn digitaler Schmutz wie eine Sendung, in der die teils ziemlich abgehalfterten Kollateralschäden eben jener Castingshows sich im Dschungel an Kängurupenissen und Kakerlaken laben, mit Kulturpreisen ausgezeichnet wird…
Doch das ist meine Meinung. Ich sehe mir all das mit dem guten Gefühl an, nicht mitmachen zu müssen. Und für all’ jene, die tatsächlich gerne wieder etwas mehr der "alten Werte" in ihrem Leben hätten, zitiere ich gerne den Poeten und Herrenschneider Torsten Sträther: "Lest Bücher. Lest, was immer ihr in die Finger bekommt. Schlechte Bücher gibt es nicht. Oder nur sehr wenige. Na gut, es gibt schlechte Bücher, aber – lest trotzdem!"
…und ergänze dies ganz gerne mit: Hört zu. Nehmt euch Zeit, euch mit dem, was ihr als Musik bezeichnet, auseinander zu setzen. Denkt nach. Und beleidigt die Musik nicht dadurch, dass ihr sie so bequem als möglich über die "Lautsprecher" eurer Telefone konsumiert. Hört zu! Wer weiss, was dabei herauskommt?
Come and put your name on it, put your name on it
Come and put your name on it, your name
Bet you wanna put your name on it, put your name on it
Come and put your name on it, Ba-ba-baby
Rihanna, 2011, “Birthday Cake”
Platz 24 der “Billboard Hot 100”




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