• Fabian Kremser

Zitate

"Der Mensch als solches ist ein seltsam' Tier" - Unbekannt


Mai 2020. Ich habe derzeit nicht wirklich viel zu sagen und lasse deshalb meine Gedanken treiben... Ich wurde vor kurzem für die klaren Linien komplimentiert, die meine Artikel ab und an haben, was mich sehr freute. Dieser hier wird das nicht haben. Auf ins Chaos.


Seit knapp zwei Monaten befindet sich die Schweiz im Lockdown, in der Quarantäne, unter Schutzmassnahmen, man kann es nennen wie man will. Fakt ist: die Bevölkerung wird angehalten, zuhause zu bleiben, nur aus dem Haus zu gehen, wenn es notwendig ist und eine Sicherheitsdistanz zueinander zu halten.

So weit ich das aus meiner Sicht beurteilen kann, funktioniert das mit den Schutzmassnahmen im weitesten Sinne sehr gut. Die meisten Menschen scheinen einsichtig zu sein, vertrauen der Regierung und den entsprechenden, ausführenden Organen, dass sie die richtigen Entscheidungen treffen und tun ihr Bestes, um sich im nun durchaus etwas anderen Alltag zurecht zu finden. Die meisten. Denn während wir bis noch vor kurzem vom hohen Ross der internationalen Neutralität herab Witze rissen über die desolaten Zustände in anderen Ländern scheint sich nun vor allem auf den sozialen Medien eine Bewegung zu formieren, die sich letztendlich nur dadurch von den Demonstrationen in Deutschland oder gar den USA unterscheidet, dass sie eben, nun ja, immer noch äusserst "schweizerisch" stattfindet. Das heisst zum Beispiel: "Wir sind der Meinung, dass uns der Lockdown unserer Grundrechte beraubt, gehen deshalb auf die Strasse, halten aber den gesetzlichen Mindestabstand ein und befolgen die Weisungen der Polizei damit wir keinen Ärger bekommen".


Ich weiss nicht, ob meine Rechte derzeit beschnitten werden. Es fühlt sich nicht so an, wenn ich da mal ehrlich sein soll. Gleichzeitig kann ich das unterdessen aber nicht mehr laut sagen, ohne dass ich mir anhören muss, was für ein herdenhöriger, regimetreuer, naiver und vor allem dummer Lemming ich doch bin, passenderweise von Leuten, die sich lautstark für ihre Meinungsfreiheit einsetzen.


"Agathos Daimon of plague and fever,

Thy name is nowhere, thy name is never,

Liberate me, ignite the seeds,

Bind not to guilt, Ignis Gehennalis


Guter Geist der Pest und des Fiebers

Dessen Name nirgends, niemals ist,

Befreie mich, entzünde die Funken

des Höllenfeuers, ungeachtet der Schuld"


- Behemoth: O Father, O Satan, O Sun


Man könnte tatsächlich den Eindruck gewinnen, dass vor ein paar Monaten eine Lunte entzündet wurde, deren Funke sich nun langsam, aber immer deutlicher einem Sprengsatz nähert, dessen Zerstörungskraft nicht im Rahmen dessen liegt, was wir uns vorzustellen vermögen.


"Beati Pauperes Spiritu - Selig sind die Armen im Geiste" - Die Bibel, Das Evangelium nach Matthäus, Kapitel 05


Ich glaube nicht, dass dort draussen jemand sterben möchte. Ich glaube auch nicht, dass sich diejenigen, die derzeit protestierend auf die Strasse gehen, gerne mit Covid-19 anstecken möchten. Ich frage mich allerdings ernsthaft, was einen Menschen dazu bringt, so sehr in seiner eigenen Welt gefangen zu sein, dass man es für seine tatsächliche Pflicht als Bürger eines Landes sieht, Wissenschaft, Forschung und Information als das Destillat des absoluten Betruges zu sehen. Freiheit! Gleichheit! Brüderlichkeit! Ausser du bist anderer Meinung, dann zum Teufel mit dir. Du DUMMER Mensch.


Das scheint überhaupt Argument Nr. 1 zu sein: Da man ja selbst die geistige Elite vertritt (und eben nicht wie die "Drosten-Jünger" dem Mutterschaf folgt) und somit zu der Ansicht gekommen ist, dass das Coronavirus eine einzige Lüge und der Versuch ist, die Welt zu versklaven, kann das die einzige Wahrheit sein. Also muss jeder, der eine andere Meinung vertritt, zwangsläufig zu dumm sein um das grosse Ganze zu sehen.


Was mich weiterhin erstaunt ist, dass hier auf einmal die Grenzen zwischen Links und Rechts so dermassen verschwimmen, dass man fast von einer neuen Einigung sprechen könnte. Rechtsextreme Regierungsgegner, die vor wenigen Monaten noch danach riefen, die Grenzen zu schliessen und Menschen im Mittelmeer ersaufen zu lassen protestieren jetzt zwar nicht Seite an Seite für die Öffnung der Grenzen mit solchen, die gerade eben noch Spenden für die Ärzte ohne grenzen gesammelt haben und den Film "The Game Changers" als Kohle nutzten um ihre eigene Anti-Fleisch-Kampagne zu befeuern, stossen aber mit vollen Lungen in die gleiche Trompete. Zeichnet sich da ein Muster ab?


Ich komme einmal nicht umhin mich nach der Definition einiger Worte zu fragen. Wann ist ein Mensch arm? Im Augenblick offenbar dann, wenn er kein neues Mobiltelefon kaufen, keine neuen Kleider kaufen, nicht zwanglos shoppen, sich die Haare schneiden lassen oder im Park auf der Wiese sitzen und mit einem Einweggrill Billigwürste aus Polen braten kann. Ich bin wohl wirklich zu dumm, um das zu verstehen, denn wenn ich mir das so vor Auge halte leiden wir derzeit an mangelndem... Konsum? In der freien Interpretation von Mark Twain:


"Selig sind die, die da geistig arm sind" - Tom Sawyer


Nein, selig ist im Moment kaum jemand, ausser die, welche es schon hinter sich haben. Weder die armen Armen, die unter Brücken hausen und sich noch ganz andere Sorgen machen müssen als die, ob die selbstgenähte Maske denn nun zu ihrer Unterwäsche passt. Auch nicht die geistig Armen, die es ja eigentlich gar nicht gibt, es sei denn sie hören auf das, was ihnen von der Regierung nahegelegt wird.


"Der Mensch ist, was er als Mensch sein soll, erst durch Bildung." - Georg Wilhelm Friedrich Hegel


Natürlich ist der gute Hegel nicht unbedingt das Vorzeigemodell der menschlichen Bescheidenheit oder auch nur Reflektiertheit, beansprucht er doch mal eben für sich und seine Lehren, die gesamte Wirklichkeit in der Vielfalt ihrer Erscheinungsformen einschließlich ihrer geschichtlichen Entwicklung zusammenhängend, systematisch und definitiv zu deuten. Jedoch stellten weder er noch sonst einer seiner Zunft in Frage, dass die Bildung das Fundament der Menschen und ihres Charakters sein sollte. Auch gibt es ziemlich klare Hinweise darauf, dass sie damit nicht wirklich Clickbait-Filme auf Youtube und Facebook meinten...


Ich weiss nicht, was ich glauben soll. Ich weiss nicht, woran ich mich halten soll. Ich weiss auch nicht, ob ich sonderlich gebildet bin. Doch ich weiss, dass ich in einem Land lebe, in dem es gewisse Regeln für das Miteinander gibt. Für mich persönlich steht es ausser Frage, dass ich mich an diese Regeln halte. Und ich glaube zu wissen, dass das ganze Thema "Corona" wesentlich umfangreicher und auch komplexer ist, als es mir gegeben ist zu verstehen.


"Die gefährlichste Weltanschauung ist die der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben." - Alexander von Humboldt


Ja, auch ich habe keinen Spass an der Quarantäne. Auch ich freue mich wieder darauf, mich ohne Sicherheitsabstand oder eben auch nur Hintergedanken an eine mögliche Ansteckung mit Leuten treffen zu können. Ich freue mich auf die Möglichkeit, sich wieder berühren zu können ohne Handschuhe, Industrieseife und Desinfektionsmittel. Ich freue mich auf Umarmungen, auf gemeinsamen Sport, auf gute Unterhaltungen, die nicht digital stattfinden. Ich freue mich darauf.


"Wenn alle die erste Geige spielen wollen, kommt kein Orchester zusammen." - Robert Schumann


Vielleicht ist das des Pudels Kern. (Wirklich? Kommt schon). Vielleicht besteht derzeit so unendlich viel Uneinigkeit, weil jede und jeder denkt, es besser zu wissen als andere, die Wahrheit zu kennen und dass sie in der Pflicht stehen, dies allen mitzuteilen. Vielleicht lernt man ja daraus.


Ich habe unterdessen tatsächlich einiges gelernt. Eine der besten Lektionen bisher: man ist nicht verpflichtet, sich alles, was auf den sozialen Medien abgeht, anzusehen. Und schon gar nicht, daran Anstoss zu nehmen oder es auf sich persönlich gerichtet zu sehen. Was für eine Erkenntnis!


Ich spiele gerne weiterhin irgendwo in den hinteren Reihen mit. Und Bass, nicht Geige.  


Herzlich,

Fabian

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