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The world is wide.

Swim it.

Ride id.

Run it.

  • Fabian Kremser

Verspätung

Die Angst, etwas zu verpassen, kennen die meisten. Es ist eine seltsame Energie, die mitunter genauso seltsame Blüten treibt. Und gleichzeitig immer von der jeweiligen Perspektive abhängt.

Warum gehen Menschen auf Parties, auf die sie eigentlich gar nicht gehen wollen? Bleiben länger auf Besuch, als sie es eigentlich vorhatten? Schalten den Fernseher nicht ab, obwohl sie es sich vorgenommen haben? Nehmen das Telefon noch mit ins Bett, obwohl es den Schlaf raubt?


Natürlich kann das mit umgekehrter Prokrastination zu tun haben, das ist sogar zu einem grossen Teil wahrscheinlich. Doch auch diese entsteht mitunter ganz einfach aus dem Gefühl heraus, nun... etwas zu verpassen?


Doch was heisst das überhaupt?


Mir kommt in diesem Zusammenhang immer wieder jene Deutsche Frau in den Sinn, die ich dereinst in Edinburgh, Schottland auf dem dortigen Schloss erlebte. Und bevor man hier Vorwürfe erhebt: das alles beschreibt lediglich Fakten. Ich war in Edinburgh auf dem Schloss, ich erlebte diese Frau - jeder tat das dort, der oder die in einem Umkreis von vielleicht zehn Metern von ihr stand - und sie war zweifellos eine Frau. Und Deutsch.


Es ist ein schöner Ort, jenes Schloss, von dem aus man über einen grossen teil der Stadt blicken kann. Calton Hill, der Bahnhof, High Street... ja, man könnte durchaus dazu geneigt sein, das Ganze als "romantisch" zu bezeichnen. Das musste sich wohl auch der junge Mann gedacht haben, der dort - in meinem Rücken - auf einmal vor seiner Begleiterin in die Knie ging und sie wohl fragte, ob sie ihn heiraten werde. Auf einmal wurde rundum geklatscht, hurra, und diese böse, kleine Stimme in meinem Inneren fragte sich sofort, ob das nicht irgendwie die ultimative Form des Gruppendrucks darstellt, wenn man an mehr als öffentlichen, geradezu überrannten Plätzen Heiratsanträge macht. Frei nach: sie kann mir ja nicht wirklich "nein" antworten.

Und ja. Das Risiko einer Abfuhr ist in intimen Setting durchaus grösser, das ist wohl durchaus so. "Willst du mich heiraten?" - "Nein." ...drei Stunden betretenes Schweigen im Heisslufballon... Doch ich schweife ab.


Während rundum also der Applaus aufbrandete rief jene Teutonin nebenan auf einmal entsetzt aus: "Was? Was war das? Oooh, da hat einer einen Heiratsantrag gemacht! Und ICH habs verpasst!"


Das schien ein ernsthaftes Problem zu sein, denn damit war es nicht gegessen. Stattdessen echauffierte sich Madame noch eine ganze Weile weiter, während die meisten anderen bereits wieder weitergegangen und den Platz anderen Touristen oder Tauben überlassen hatten.


Bis heute kann ich mir nicht erklären, weshalb es Menschen gibt, die mit der Überzeugung durchs Leben gehen, dass ihre Lebensqualität, ihre Existenz als solche, tatsächlich eine Qualitätsminderung erlebt, wenn sie einmal NICHT über alles informiert sind, das irgendwo auf der Welt geschieht (natürlich ausgenommen sind ernsthafte, weltbewegende Ereignisse und Dinge, die nicht in der Bildzeitung oder der Glückspost stehen).


Fehlt es an Inhalt im eigenen Leben, auf dass man es mit den Erlebnissen anderer füllen muss? Fehlt es an Zielen, Perspektiven?


Ich frage das ganz im Ernst, denn ich kenne dieses Gefühl nicht. Ich hatte nie ein Problem damit, ein Fest um zwanzig Uhr abends zu verlassen, wenn ich es mir vorgenommen und am Tag darauf ein Training hatte. Egal, wie gut die Stimmung war. Ich war einen Deal mit mir selbst eingegangen, und der wurde ernst genommen. Auch fällt es mir nicht schwer, NICHT vor einem Fernseher zu hängen, NICHT permanent die neusten Charts zu hören und NICHT alles auswendig zu können, was derzeit in den sozialen Medien los ist.


Das einzige, bei dem sich bei mir manchmal das leichte Gefühl einschleicht, dass ich meine Zeit verschwende ist dann, wenn ich nicht das tun kann, was ich gerne tun will. Wenn ich von meiner Arbeit abgehalten werde oder von meinem Training. Das bezieht sich auch auf eine Erkältung, die mir das vermasselt. Daher auch der Titel heute. Mein Start ins Training dieses Jahr hat sich unfreiwillig um knappe 2 Wochen verspätet.


Doch hier verbirgt sich eine Lektion, die ich wieder und wieder gehalten und auch immer wieder ERhalten habe: Es lohnt sich, in solchen Fällen die notwendige Geduld aufzubringen, um alles ganz auszukurieren, wieder vollends auf die Beine zu kommen und dann mit ein wenig Verzögerung einfach so weiterzufahren, als hätte man nie aufgehört.

Hingegen ziemlich dämlich wäre es, sich nun sofort wieder mit aller Macht in viel zu intensive Einheiten zu stürzen, alles zu verschleppen und so unter Umständen das ganze folgende Jahr zu ruinieren. Das wäre einfach - aber eben ziemlich blöde. Also lasse ich das. Und übe mich in Geduld.


Herzlich,

Fabian


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