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The world is wide.

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  • Fabian Kremser

Stress, Teil II

Gestern wollte ich ein klein wenig über den Faktor "Stress" in unserem Leben schreiben. Daraus wurde dann eher eine Liste zu Ursachen und Wirkung, in der ich mich teilweise unschön selbst wieder fand, was mich zum Nachdenken brachte. Warum ist Stress in unserer Gesellschaft so… normal? So… nebensächlich?

Stress kann töten, im wahrsten Sinne des Wortes. Stress kann einen Menschen und seinen Körper so nachhaltig zugrunde richten, dass man es kaum fassen mag. Und doch werden immer nur die Symptome behandelt, nicht die Ursache.


Stellt euch einmal folgende Konversation vor: "Hey, wie geht es dir?" – "Oh, an sich ganz okay, ich hab' nur gerade den Oberschenkelhals gebrochen."


Wie würdet ihr reagieren? Vermutlich etwas in der Art von: "Oh nein, das tut mir leid zu hören! Wie ist denn das passiert? Es ist hoffentlich kein komplizierter Bruch? Kann man dir irgendwie helfen? Sieh auf jeden Fall zu, dass du dir genug Zeit nimmst um zu heilen!"


…und jetzt ersetzt den Part mit dem Oberschenkelhalsbruch mit "…ich habe derzeit rechten Stress". Na?


Die "normale" Reaktion in unserer Gesellschaft auf so eine Nachricht ist etwas wie: "Oh, ja, das kenne ich, das geht mir auch oft so, man glaubt, man kommt zu nichts! Haha!"


Weder wird es ernst genommen noch als etwas erachtet, das einem Menschen wirklich schaden kann. Warum auch, es geht einem selber ja immer wieder so und in der Leistungsgesellschaft ist das ja etwas, das irgendwie dazugehört.


Ich finde das, ganz ehrlich, krank. Wir machen uns kaputt für Dinge und Menschen, denen es nicht nur einerlei ist, wie es uns geht sondern die das unterdessen sogar von uns erwarten. Bei der Arbeit ist es halt einfach normal, dass man etwas Stress hat, da braucht man dann halt ab und an "ein Wochenende Ruhe" oder mal "einen Nachmittag frei" um "wieder aufzuladen". Mal ganz ehrlich: hackt's? Ich soll meine Gesundheit ruinieren, um irgend einen Job zu erledigen und wenn ich so weit bin, dass ich nicht mehr kann, also, wortwörtlich nicht mehr kann, soll ich dankbar sein, wenn man mit erlaubt, einen halben Tag lang frei über meine Lebenszeit zu verfügen? Wobei… so frei ist das ja nicht mal… man soll sie ja nutzen, um sich wieder aufzuladen und dann schön weiter im Text.


Nein, das ist nicht mein Bier, war's noch nie und wird es nie sein. Doch ich überlege mir halt, warum es in letzter Zeit immer mehr dazu kommt, dass Menschen an ihrem Job zerbrechen und am Stress, den sie dort erfahren, erkranken. Wo das doch ein Level von Stress ist, den man eigentlich ganz gut wegstecken sollte? …oder?


Ich habe da nichts wissenschaftlich belegtes, doch ich nenne es für mich das "Mare Tumultus", das "Meer der Unruhe" (das "Meer der Ruhe" oder "Mare Tranquilitatis" ist ein Mondmeer auf dem, nun, Mond, in dem die erste Mondlandung stattfand. Der Nerd und Möchtegern-Astronaut in mir fand das passend). Damit versuche ich zu verdeutlichen, dass wir in uns durch eine permanente Ansammlung von kleinen, aber andauernden Stressfaktoren eine Art Dauerpegel aneignen, der innerlich an uns nagt, den wir jedoch kaum bemerken, weil wir gerne mal anderes im Kopf haben und das Ganze, wie gesagt, für "normal" halten. Kommt dann etwas zusätzliches in dieses Meer, steigt es über die Ufer und je nach Magnitude sind die Folgen fatal.

Auf einmal kann man es nicht mehr einfach wegstecken, wenn einem ein wildfremder Mensch auf der Strasse den Mittelfinger zeigt. Auf einmal wirft es einen komplett aus der Bahn, wenn man auf der Arbeit etwas Kritik erhält. Auf einmal bricht man weinend am Bahnsteig zusammen, wenn man den Zug verpasst. Und so weiter…


Und ja, dieses Meer wird gut gespeist. Die Quellen habe ich gestern schon aufgelistet, unter "Faktoren". Heute möchte ich denen einmal ein Gesicht geben, denn vielleicht hilft das bei der Perspektive.


- Chronische Konflikte in der Paarbeziehung

Hier denken wir wohl an permanenten Streit, doch ein Konflikt kann auch daraus bestehen, dass man sich permanent über kleine Dinge uneinig ist. Mit wie viel Wasser und Salz man zum Beispiel Nudeln kochen sollte. Oder welches Waschmittel für welche Kleidung "man" verwendet. Wer schon einmal erlebt hat, wie eine solche Bagatelle plötzlich explodierte weiss, wie sehr das belasten kann. Klischee hin oder her, wie die eigene Mutter "immer schon etwas gemacht hat" ist keine gute Methode, die bereits brennende Zündschnur zu löschen.


- Zeitmangel und Termindruck

Holla, muss ich das erklären? Der Wecker läutet, man will nicht, ist auf einmal nochmals eingeschlafen, die halbe Stunde fehlt und schon geht es los… und dann "muss" man um X-Uhr DORT sein für DIESEN Termin… und so weiter…


- Lärm

Oh ja. Lärm hat viele Gesichter und entgegen der allgemeinen Ansicht muss er nicht zwangsläufig LAUT sein, um zu belasten. Wir denken zum Beispiel: "Das betrifft mich nicht, ich wohne auf dem Land, bei mir ist es ruhig" – aber dass von der Autobahn um die Ecke eine wirklich permanente Beschallung kommt, vergisst man ebenso gerne wie die Tatsache, dass ein rund um die Uhr laufendes Radio exakt den gleichen Effekt hat: man belastet sich, sein Umfeld und vor allem seine Nerven mit Lärm, der einen krank macht. Also, echt krank. Einfach mal abstellen.


- Geldmangel, Armut, Schulden, Überschuldung

Das betrifft viele, denn uns wird rund um die Uhr eingetrichtert, dass Konsum über alles geht. Kreditinstitute machen Werbung zu Hauptsendezeiten. "Es gibt immer eine Lösung", wenn du sofort 10'000.- für das neue Sofa und den neuen UHD-TV brauchst, hier bitte, AUCH OHNE BETREIBUNGSAUSZUG. Früher nannte man das "Mafiamethoden", heute ist es Mittel zum Zweck, um dazuzugehören…


- Fehlende Gestaltungsmöglichkeiten, mangelndes Interesse am Beruf und in der Freizeit

Wie viele Menschen sind unterschwellig oder auch ganz offen nicht glücklich in ihrem Beruf? Gleichzeitig sind sie darauf angewiesen, denn irgendwoher muss das Geld kommen… also macht man's halt, geht ja allen so… und wenn ich nur regelmässig arbeite, kann ich mir eine siebte Kreditrate für die neue Spielkonsole doch leisten, dann kann ich endlich etwas abschalten und Spass haben…


- Grosse Verantwortung

Auch drei laufende Kredite regelmässig zu bedienen, ist viel Verantwortung. Sich um einen Haushalt, eine Partnerschaft, ein Auto, ein Haustier und vielleicht noch Kinder zu kümmern, erst recht. Wenn dann noch auf der Arbeit alles an einem hängt…


- Mobbing am Arbeitsplatz, Mobbing in der Schule, Mobbing im Alltag

Als ehemaliges Mobbingopfer kann ich nur sagen: jep. Egal in welcher Form, Mobbing ist etwas vom schlimmsten, das einen am nachhaltigsten schädigen kann. Heute passiert es oft online, was aber nicht heisst, dass es deshalb weniger schlimm ist – im Gegenteil.


- Schichtarbeit (bewirkt eine Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus und gesundheitliche Probleme)

Da wären wir wieder beim Beruf und dem Glücklichsein. Man kann sich noch lange einreden, dass irgendjemand ja den Job machen muss und vielleicht bin ich ein Ignorant, doch ich habe hier die Haltung von "stell' dir vor es ist Krieg und keiner geht hin"…


- Ständige Konzentration auf die Arbeit (zum Beispiel Fliessbandarbeit)

Da ist der Querverweis ja schon. Doch das geht auch auf andere Berufe als solche, bei denen Schichtarbeit gefragt ist. Die permanente Forderung nach absoluter Konzentration kann einen ebenfalls kaputt machen.


- Angst, nicht zu genügen (Versagensangst)

Oh, du lieber Teufelskreis, langsam wirst du etwas eng. Dieses Gefühl verbreitet sich in unserer Gesellschaft in den letzten Jahren schneller als ein Lauffeuer und in dem Fall sind die Sozialen Medien einer der grössten Faktoren. Instagram auf, Selbstwertgefühl ab, sozusagen… das Netz und das Telefon ist gespickt von "schau MICH an, ICH bin perfekt. DU nicht".


- Perfektionismus (überhöhte Ansprüche an sich selbst und an andere)

Das geht irgendwie Hand in Hand mit dem vorangehenden Punkt – und weitet sich auch in die ganze Gesellschaft aus. Man MUSS dies und das haben, man MUSS dies und jenes SO perfekt machen…


- Soziale Isolation, Verachtung und Vernachlässigung

Mobbing, Ausschluss, Cyberattacken, emotionale Angriffe, Ignoranz… hier könnte ich nicht nur ein Lied, sondern eine ganz Oper singen und ich denke, da bin ich nicht der Einzige.


- Schlafentzug

Die Arbeit ist hier nur eins, was uns wirklich killt, tun wir uns in diesem Bereich selber an. Manchmal fällt es so schwer, den Fernseher abzuschalten oder das Handy wegzulegen um eben NICHT mehr permanent die nächste Dosis Versagensangst zu konsumieren – oder sich mit siebtklassigen Telenovelas zu trösten und sich in die Chipstüte heulend einzureden, dass es ja nicht so schlimm sein kann, solange es RTL II gibt…


- Reizüberflutung

Wirklich, nochmal? Fernseher! Handy! Computer! Tablet! Musik! Radio! PERMANENTE BERIESELUNG UND BESCHALLUNG AUF ALLEN MÖGLICHEN EBENEN! UND DANN NOCH DER DEPP, DER EUCH IN CAPS LOCK ANSCHREIT!


- Krankheiten und Schmerzen, eigene und die von Angehörigen

Darauf haben wir bedingt Einfluss, zugegeben, doch ist auch hier die Perspektive oft das Problem: wir spielen diese Dinge gerne herunter. In unserer Gesellschaft ist man tatsächlich stolz darauf, eine Grippe nur halb auszukurieren und dann sofort halb tot wieder auf der Arbeit zu erscheinen…


- Seelische Probleme, unterschwellige Konflikte

Das erklärt sich auf der einen Seite selbst und ist auf der anderen Seite auch eine Art Destillat aller einzelnen, genannten Punkte…


- Schwerwiegende Ereignisse (beispielsweise ein Wohnungseinbruch, eine Operation, eine Prüfung)

…oder ein Unfall, oder der Lieblingscharakter einer TV-Show stirbt, der Nachbar überfährt die Katze, unser neuer Post hat nur 3 Likes… es liegt oft im Auge des Betrachters, wie schwer uns etwas trifft, doch wenn ich mit meiner Theorie richtig liege, können im Ernstfall schon kleine Dinge richtig heftige Folgen haben.


- Auch (unausgleichbare) Unterforderung, Langeweile und Lethargie

Da wären wir wieder beim eintönigen Job, beim Mangel an Kreativität, bei Faulheit, bei Depression. Ich weiss, dass es heikel ist, diese Dinge in einem Satz zu vereinen, doch damit meine ich vor allem, dass der Ursprung nicht unbedingt einfach sein muss.


- Überforderung durch technische Entwicklungen (Technikstress, Technostress)

Ahem. Okay: Handy, Fernseher, Radio, Musik, Computer, Tablet…


- Überforderung durch soziale Interaktion

Ob ihm Wohnzimmer oder im Internet: Der Umgang mit anderen Menschen KANN uns total überfordern. Und zwar aus beiden Richtungen, sowohl wenn wir jemanden zu sehr mögen als auch wenn wir eine Person abgrundtief hassen… sowie alles im Überfluss zwischendrin…


- Stress durch die Bedrohung des Selbst (eigenes Scheitern oder die Respektlosigkeit anderer)

Das sind zwei Dinge, die wir gerne einmal meistern. Wir werten unser eigenes Scheitern oft viel zu schwer, ebenso die Respektlosigkeit anderer. Und während uns beides absolut zerstören kann, haben wir auch beides vermeintlich in der Hand: wir können lernen, damit umzugehen (und im Ernstfall auch einfach mal etwas Neues anfangen, jemanden aus dem Leben streichen…). Ist alles völlig legal…


Nun, vielleicht kann ja jemand hiermit was anfangen. Ich für mein Teil habe beschlossen, mein eigenes "Mare Tumultus" nach Möglichkeit trocken zu legen…


Herzlich,

Fabian


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