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The world is wide.

Swim it.

Ride id.

Run it.

  • Fabian Kremser

Sprache

Wenn Deutschland das Land der Dichter und Denker sein soll, dann muss Deutsch deren Sprache sein. Das ist nur logisch, aus zwei Gründen.

Erstens macht es wenig Sinn, als Teutone mit diesem grauenhaften, durch noch so viele Jahre des Sprachtrainings hindurch zu hörenden Akzent Gedichte vorzutragen, wie sie beispielsweise ein Robert Burns oder, bewahre, Shakespeare geschrieben hat. Stellt euch nur mal Arnold Schwarzenegger vor - okay, der ist Österreicher, doch die Kernaussage bleibt erhalten - wie er auf der Bühne zitiert: To be or not to be. I'll be back... Danke, nein. Ich mag dich, Arnie, aber... nein.

Zweitens bezieht sich der Begriff "Denker" auf einige der grössten Philosophen der Geschichte. Wer von euch hat Kant gelesen? Falls ihr mal Lust darauf habt zu erfahren, wie es sich anfühlt, wenn sich das Gehirn innerhalb einer einzelnen Seite in einem Buch mit mehreren hundert in Schmelzkäse verwandelt, dann empfehle ich, irgend ein beliebiges Werk dieses brillanten, wortgewandten, hochintelligenten, schwadronierenden Vollpsychopathen zur Hand zu nehmen und eine Viertelstunde damit zu verbringen. Versteht mich nicht falsch: ich mag Philosophie und auch der Herr Kant kam mir schon in die Quere, doch von der Befriedigung einer leicht masochistischen Tendenz einmal abgesehen taugt das Zeug nicht wirklich zur Badewannenlektüre. Und jetzt stellt euch das Ganze auch noch auf Latein vor. Oder Französisch.


Also völlig klar, dass sich diese grossen Gehirne der Vergangenheit auch in ihrer Muttersprache ausdrücken. Macht Sinn. Aber macht diese Tatsache demnach Deutsch zur Sprache der Poesie und Intelligenz?


Was die Intelligenz angeht, da spricht nun einiges dagegen. Ich meine, ICH spreche Deutsch und ich habe die meiste Zeit keine Ahnung, was los ist. Wirft man nur einen kleinen Blick in die derzeitige Politiklandschaft... das muss ich nicht ausführen, oder? Die Denker sind nicht mehr wirklich in Deutschland verankert. Wo sie hin sind, weiss der Kuckuck. Vermutlich hat sich das Ganze ähnlich der primitivsten Arbeitsvorgänge nach Indien verlagert, wo man für einen relativ vernünftigen Betrag nicht nur eine komplette App zur Identifikation von Schafskrankheiten via Photo programmieren lassen kann, sondern wohl auch tonnenweise inspirierende Zitate und Sprüche, die, vor einen Sonnenuntergang oder das Bild einer Pusteblume geklatscht, über die Sozialen Medien verteilt werden. Irgendwoher muss der Schmarrn ja kommen.


Und die Lyrik?


Auch die Deutsche Populärkultur kann einen kaum noch davon überzeugen, denn was da unterdessen als "Musik" oder auch "Poesie" vertickt wird, spottet jeder Beschreibung (nicht Sie, Herr Sträter, vor Ihnen ziehe ich den Hut. Wenn ich mal einen anhab'. Dann aber). Irgendwelche Bubis, die ihren antrainierten Balkan-Akzent über HipHop-Beats aus dem Sampler stammeln, dazwischen noch ein wenig von Mercedes-Benz, Rolex, Gewalt und dicken Titten rotzen (wobei man davon ausgehen kann, dass bei mindestens drei der vier genannten Attribute vor allem der Wunsch Vater des Gedanken ist... und dann noch eine Leasingfirma...) und sich dabei vorkommen wie in den Slums von Boston... das hat doch mit Lyrik nichts zu tun?


Vielleicht sehe ich das ja ganz falsch. Vielleicht ist ja nicht das Volk, das diesen Brunz fabriziert, schuld, sondern vielmehr die Sprache, die sie dazu zwingt, sich so eindimensional auszudrücken. Das könnte schon sein, oder?


Mir kam da vor kurzem ein Gedanke: die besten Texte, ob in Gesang, Sprache, Buchform oder Gedicht, begegnen mir im Englischen. Shakespeare und Burns habe ich schon erwähnt, doch es gibt noch mehr! Tennyson, Scott, Joyce, Hemingway, Wilde, von mir auch aus der beknackte Fitzgerald... das sind Giganten, die es schaffen, den geneigten Leser mit dem ersten Satz eines Buches dermassen eins vor die Rübe zu zimmern, dass man sich tatsächlich im verdammten Narnia wiederfindet. Und das sind nur einige ganz wenige! Die Liste ist ja endlos und umfasst mehrere Jahrhunderte! Nur... warum Englisch?


Ich könnte jetzt versuchen, irgend etwas höchst geistvolles zusammen zu schmieren und irgendwelche wirren Parallelen zu Leonardo DaVinci, den Illuminaten und "La Lingua Pura" ziehen, damit wäre ich voll im Zeitgeist. Soll ich?


Ich bleibe lieber bei meiner ursprünglichen Idee. Hier kommt's: Englisch eignet sich ganz einfach unglaublich gut, um zu fluchen!


"Du hast noch nie einen Russen fluchen gehört! Oder einen Franzosen!"


Doch, habe ich! Jedes Mal, wenn ein Russe den Mund aufmacht, oder? Und bei den Franzosen kann man sich auch nie ganz sicher sein, ob sie einem gerade einen guten Morgen oder die Pest an den Hals gewünscht haben, die klingen immer freundlich und so, als ob sie einen ins Bett kriegen wollen. Einmal mehr, nicht falsch verstehen, das stört mich keineswegs. Es ist nur verwirrend.


Nein, ich bleibe dabei. Klar kann man auf Deutsch fluchen und mit Kraftausdrücken um sich werfen, doch mal ganz ehrlich: mit dem Götz von Berlichingen hatte diese Art der Sprachkultur einfach ihren Höhepunkt erreicht. Seither löst eine auf Deutsch proklamierte Tirade bei den Zuhörern höchstens noch ein leicht peinliches Bedürfnis aus, in Polen einzumarschieren...


Doch im Englischen ist das anders. Vielleicht hat es mit der Aristokratie zu tun, das könnte ja sein. Und vielleicht tue ich allen Ländern (und Sprachen), die noch von einer Monarchie gesteuert werden, gerade ein himmelschreiendes Unrecht an, da ich ignoranter Rotzlöffel schlicht nicht in der Lage bin, ihre Sprache zu verstehen. Sei's drum. Ich bleibe dabei: je besser es sich in einer Sprache fluchen, beleidigen und schimpfen lässt, desto ausdrucksstarker ihre Poesie, Lyrik und Philosophie. Vielleicht ist der Grund ganz banal: da man unendliche Möglichkeiten hat, sich und seinen Unmut zu artikulieren, muss man sie nicht dauernd ergreifen und kann sich darauf konzentrieren, die schönen Seiten der Sprache zu geniessen.


Vielleicht. Vielleicht ist das auch alles hochkarätiger Schwachsinn. Kant hätte womöglich eine Antwort darauf...


Herzlich,

Fabian


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