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The world is wide.

Swim it.

Ride id.

Run it.

  • Fabian Kremser

Laufen

Über das Laufen an sich habe ich schon einmal geschrieben. Was es für einen Stellenwert hat in meinem Leben, was es mir gibt, emotional und überhaupt... Zeit, da noch ein wenig draufzumachen, denn heute wurde mir wieder einmal bewusst, dass Laufen für mich noch etwas mehr ist. Laufen ist auch Therapie.

Ja, ja, ich weiss, das ist ultra abgedroschen. "Beim Laufen fühle ich mich frei, ich kann alles um mich herum vergessen, blablabla..." ...ich bin gerade echt froh, dass ich hier nur schreibe und niemand den Tonfall hören kann, ich dem ich diesen Satz gerade gedacht habe. Und es geht noch weiter: das ist Blödsinn ersten Gerades.


Man könnte meinen, dass ich hier ein wenig in Richtung der selbsternannten Laufgurus sticheln will. Absolut korrekt, gut beobachtet. Wenn auch nicht wirklich ernst gemeint.


Ich FÜHLE mich frei, wenn ich laufe. Aber alles vergessen kann ich nur, wenn ich mir zwei Stöpsel in die Ohren stecke und mich auf die Musik konzentriere, was für mich aber ein No-Go ist, da das regelmässig ausartet. Ausserdem will ich das nicht, denn das Laufen hilft mir... nein, ich muss erst ausholen.


Da ich unterdessen die grosse Hürde überwunden habe, über meine Depression auch offen zu sprechen, gibt es hin und wieder einige Gespräche mit Freunden über dieses Thema. Ist es unangenehm? Verdammt, und wie! Zieht es einen herunter? Ja, absolut tut es das, zumindest so lange, bis irgendwer einen dermassen brutalen oder moralisch falschen Witz reisst, dass der Bann bricht und man herzlich - und erleichtert - lachen kann. Für genau sowas sind Freunde da! Ist es wichtig, darüber zu sprechen? Noch einmal: absolut. Denn ich weiss, dass ich bei weitem nicht der Einzige bin der da durch muss. Darüber zu sprechen hilft, mit dem allem umzugehen, und zwar allen Beteiligten. Und es hilft dabei zu verstehen, dass es nicht "die" Depression und ihre Symptome gibt, sondern dass dieser vermaledeite Mist zu allem Elend auch noch komplett individuell ist.


Nun wurde ich schon einige Male gefragt, wie sich das für mich anfühlt, wenn sich so eine Episode, ein Schub oder wie auch immer man das nennen will, aufbaut. Mal sehen, ob ich da die richtigen Worte finde.


Stellt euch einen normalen Tag vor und denkt an euren inneren Monolog. Da wird es vielleicht die eine oder andere Situation geben, in der ihr euch selber etwas seltsam vorkommt oder euch auch mal sagt: hey, das war jetzt eher uncool. Aber im grossen und ganzen ist euer Gehirn ein Teil von euch, der euch unterstützt, euch bestätigt und euch auch ermutigt. Hey, du bist cool, du siehst gut aus, du gehst aufrecht durchs Leben. Super! Ich mag dich!


Das ist rudimentär, aber: so sollte es in etwa sein.


In meinem Fall ist mein Gehirn der Mitbewohner, der auch nach der zehnten Gruppenintervention in der Wohngemeinschaft noch darauf besteht, seine dreckige Unterwäsche auf dem Küchentisch zu platzieren. Jenes Arschloch, das nur deshalb mit seiner unmöglichen Art durchkommt, weil es eine fast schon übernatürliche Fähigkeit besitzt, die Unsicherheiten und Ängste aller seiner Mitbewohner in zwei Sätzen blosszustellen und dadurch von allen so sehr gefürchtet wird, das man zwar versucht, ihn hin und wieder etwas zur Mässigung zu bewegen, doch so richtig Erfolgreich ist man damit nicht. Ausserdem neigt er sowohl zu verbaler als auch zu physischer Gewalt und wenn er mal abdreht, liegt die Bude anschliessend in Schutt und Asche.


Diesen Typen habe ich also in meinem Kopf und wenn er einen guten Tag hat, dann wird meiner voraussichtlich echt mies. Denn er beschränkt sich nicht nur darauf, meine Unsicherheiten vor mir auszubreiten und meine Ängste zu schüren. Oh nein, wenn er zur Hochform aufläuft, ist das nur der Anfang. Dann geht es sehr perfide los und baut sich so weit auf, bis es Beschimpfungen hagelt. Das ist dann ein konstanter Ansturm aus "Du kannst nichts, bist nichts, wirst nie was werden! Niemand mag dich, nicht mal ich, und ich BIN du! Alle deine Freunde geben sich nur mit dir ab, weil sie keine bessere Alternative haben, wenn du dich einmal nur halb so sehr anstrengst als sonst, lassen sie dich schneller fallen als eine heisse Kartoffel!" ...und so weiter. Und noch immer ist es nur der Anfang, denn wenn das nicht zieht, sprich, ich mich dagegen noch wehren kann, dann werden die richtig grossen Geschütze aufgefahren. "Ach, XY hat nur drei Emojis in der letzten Nachricht verwendet? Er / sie HASST dich, das siehst du doch auch? Was, jemand hat dir einen "guten Morgen" gewünscht? Ha, das war ironisch, das merkst du schon? Eigentlich wollten sie dir sagen, dass deine hässliche Fresse ihnen den IHREN versaut hat. Das siehst du schon, oder? ODER?"


Unterdessen wissen wir: was wir oft genug und in überzeugendem Ton hören, das glauben wir irgendwann. Ich kann euch sagen: es ist echt mies, wenn es das eigene Gehirn ist, das euch so auf Trab hält. (Mir wurde mal geraten, dem ganzen einen Namen zu geben, damit ich es besser greifen kann. Ha, denkste! Ich habe zu all dem nicht noch Bock auf eine erstklassige Persönlichkeitsstörung, besten Dank auch).


Medikamente? Das war auch schon auf dem Tisch, doch da wiederhole ich mich. Ich habe kein Interesse daran, die Symptome mit irgendwelchen Drogen zu dämpfen, nur, damit sich die Leute um mich herum besser fühlen. Damit ich wieder "funktioniere". Ich will stattdessen herausfinden, was das alles auslöst, wie es funktioniert und wie ich die URSACHE loswerden kann. "Ja, aber..."


Ich lass' das mal von Pink Floyd beschreiben, die können sowas:


The lunatic is in my head

The lunatic is in my head

You raise the blade, you make the change

You re-arrange me 'til I'm sane

You lock the door

And throw away the key

There's someone in my head, but it's not me


Pink Floyd, "Brain Damage", The Dark Side Of The Moon


Nein, danke. Ich laufe lieber. Und nein, das ist kein Davonlaufen. Im Gegenteil. Wenn ich los laufe und dann zum ersten Mal kurz Ruhe habe, mein Atem seine Frequenz aufnimmt und ich meinen Rhythmus finde...


...dann geht es erst recht los.


Wenn ich laufe, führe ich all' diese imaginären Gespräche, die mit den Gedanken abrechnen, die mir mein Gehirn in Selbstzweifeln und Hassgefühlen mariniert auf dem Silbertablett serviert. Himmel, was ich mich da teils fertig mache! Was ich da teilweise für Tiraden loslasse, wie ich in meiner Vorstellung mit Menschen abrechne, die mir unrecht getan haben (sowohl solchen in Echt als auch in der Phantasiewelt, die mir von mir selbst suggeriert wird). Meine Seele tritt sich erst selbst in die Weichteile und kotzt sich dann aus.


Bis es irgendwann... still wird. Irgendwann ist alles "gesagt". Dann laufe ich für einen Moment einfach nur für mich. Das sind Momente, in denen ich mich dann tatsächlich, wie eingangs erwähnt, frei fühle. Frei von mir selbst. Und in der Gegenwart.


Das Gute ist, dass ich nach dem Training meistens eine Weile Ruhe habe. Es ist draussen. Vorbei. Und dass ich damit auf einem guten Weg bin weiss ich, weil das alles zwar nach wie vor erstklassiger Mist ist, wenn es passiert. Aber es passiert immer seltener. Und ich lebe unterdessen auch nicht mehr in einer permanenten Angst davor, dass es passiert. Das ist definitiv ein Fortschritt. Und einer in die richtige Richtung.


Herzlich,

Fabian


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