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The world is wide.

Swim it.

Ride id.

Run it.

  • Fabian Kremser

Hymnen

Oder: Gedanken zu einer nicht ganz gewöhnlichen Zeit.

Wenn wir Menschen etwas besonders unterstreichen, hervorheben oder feiern wollen, singen wir. Meiner Meinung nach ist die Gabe unserer Spezies, Emotionen, Eindrücke, Landschaften, ja, ganze Geschichten in Konstruktionen verschiedener Klänge zu packen, sodass sie für andere nachvollziehbar werden, etwas absolut Einmaliges.


Ich habe mich schon mehrfach darüber ausgelassen, wie ich selbst zur Entwicklung vor allem der Populären Musikkultur stehe (dem Thema der Modernen Klassik werde ich mich nicht einmal in Schutzanzug und mit einem Stock nähern) und ich bleibe nach wie vor der festen Überzeugung, dass sich die Geisteshaltung einer Generation oft deutlicher in der von ihr konsumierten Musik widerspiegelt, als ihr lieb sein kann.


Dies im Hinterkopf komme ich nicht umhin, mir auch meinen eigenen «Soundtrack» für diverse Zeiten oder Phasen in meinem Leben nicht nur zusammenzustellen, sondern ihn auch kritisch zu hinterfragen.


Wir können uns wohl für einmal auf globaler Ebene einigen und sagen: Niemand von uns hat 2015 die Frage «wo sehen Sie sich selbst in fünf Jahren» richtig beantwortet.

Das Coronavirus hat 2020 die ganze Welt, jedes Land auf seine eigene Art, in nur wenigen Monaten enorm geprägt und was hinter dem sich langsam, langsam, oh, so langsam lichtenden Vorhang aus medialer Verwirrung, Angst und Panik zum Vorschein kommt, ist ein durchaus desolates Bild der Lage. Und damit meine ich noch nicht einmal die ganzen Verschwörungstheorien, die noch immer – immer mehr? – die Runde machen. Nein, denen spreche ich für mein Teil sogar einen gewissen Unterhaltungswert zu.


Doch ich nehme für mich einige sehr mondäne Dinge mit aus dieser Zeit, wie zum Beispiel die Tatsache, dass die gesamte, globale Wirtschaft offenbar auf den enorm wackeligen Pfeilern ruht dass Menschen rund um die Uhr Zeugs kaufen und konsumieren, das sie eigentlich nicht brauchen. Das gibt zu denken. Auch stelle ich mir immer wieder die Frage, ob wir denn wirklich unbedingt zur «Normalität» zurückkehren sollten, wenn wir so viele klare, stichhaltige Beweise dafür haben, dass «Normal» niemals die Chance hatte, langzeitig zu funktionieren. Klimaerwärmung, Kriege, die durch die sozialen Medien abgestumpften Wahrnehmungen… Das Leben ist ein einziger Akt des Suizids, wurde einmal geschrieben. Keine Generation hat dies unbewusst so sehr gelebt wie die letzten beiden. «Es wird sowieso krepieren, nehmen wir es lieber vorher für uns selbst».


Was hat das alles mit Musik zu tun?


Einiges und noch mehr, denn wenn wir uns die Zeit nehmen, sie uns wirklich einmal nehmen und der Musik zuhören, dann finden wir hin und wieder auch Lektionen darin, die wir uns durchaus auf die diversen Fahnen schreiben könnten.


Für mich wurdendie letzten 18 Monate vor allem von zwei Liedern geprägt, die mich auf die eine oder andere Art begleiteten. Das erste stammt aus der Feder der Deutschrapper K.I.Z., wurde mit dem Sänger Henning May zusammen aufgenommen und trägt den passenden Titel «Hurra, die Welt geht unter». Ihr könnt es euch anhören:

Musik ist Geschmackssache. Wem es nicht gefällt… nun, dafür sind Meinungen da, oder?


Ich bin nun kein glühender Fan von Sprechgesang, schon gar nicht von Deutschem, doch ab und an gibt es Lieder, die auch bei mir ankommen und dieses ist eines davon. Getragen von Henning May, dessen Refrain so klingt, als würde der Gute melodiös mit Zement gurgeln, zeichnet das Stück für mich ein Bild, das meine Aussage von weiter oben für mich unterstreicht: «Normal» funktionierte nicht. Es könnte Gutes aus allem wachsen, und im April 2020 sah es durchaus so aus, als wären wir als vermeintliche Spitze der Nahrungskette gewillt, gemeinsam durch das, was da kam, hindurchzugehen und uns auf bessere Zeiten zu freuen…


Spulen wir vorwärts, einige Monate und bis heute.


…wenn die Durststrecke denn nur möglichst schnell vorüber ist. Einmal mehr waren die USA die grossen Innovatoren. Sie hatten kein halbes Jahr gebraucht um von «We’re together in this» zu «I need a haircut, let the weak ones die» zu mausern. Und wie es in Europa schon seit einiger Zeit Brauchtum ist, so war es auch hier: diese Geisteshaltung wurde erst belächelt, dann importiert, anschliessend für eigenes Gedankengut erklärt und, natürlich mit europäischer Liebe zum Detail, perfektioniert.


Was sich da auf einmal an purem Hass und Aggressionen im Internet und immer mehr auch in der Öffentlichkeit verbreitete liess mich durchaus mehr als einmal leer schlucken. Zuerst erstaunte es mich noch, dann immer weniger.


Und so gegensätzlich wie die Geisteshaltung der Welt sich über die Monate entwickelte, so verhielt es sich auch mit meiner persönlichen Hymne für den Herbst / Winter des Jahres 2020 – und irgendwie auch jetzt noch, im August 2021.


Während wir im April bei zunehmenden Sonnenstunden noch feierten, dass nach der Nach der metaphorische, neue Tag kommen werde, machten in den letzten Wochen die vier apokalyptischen Reiter der Neuzeit namens Pessimismus, Egoismus, Ignoranz und Arroganz die Runde. Warnungen wurden und werden in den Wind geschlagen, höchst Kompetente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler öffentlich als Scharlatane angeprangert, meist von Menschen, deren Allgemeinbildung sich etwa mit der des durchschnittlichen Goldfisches vergleichen lässt. Zeit auf den sozialen Medien zu verplempern wurde zu «Ich habe recherchiert».


…und nun wissen «Erwachte», dass das Maskentragen eigentlich ein globales, Satanistisches Ritual ist. Gleichzeitig stürmen am 6. Januar Rechtspopulisten das Kapitol in Washington DC. Wieder andere missachten jegliche Regeln, entpflichten sich selbst von allem, was sie zu Mitgliedern der Gesellschaft macht und feiern sich gegenseitig unter dem Banner der Toleranz.


Das selbsternannte Wahrzeichen der Demokratie der westlichen Welt wird zu einer Karikatur eines überfinanzierten Verteidigungssystems, dass bereitwillig Leuten Türe und Tore öffnet, die jeden Punkt der geläufigen Definitionen von Terroristen erfüllen. Nur dass sie halt weiss sind und nicht schwarz…


Ich weiss nicht, wie es euch geht, doch das alles erscheint mir nur noch grotesk. Ein Teil von mir denkt, dass die Hymne zu all’ dem eigentlich eine Grindcore-Version von «Yankee Doodle Dandy» sein sollte (traurig aber wahr – natürlich gibt es das, das Internet enttäuscht diesbezüglich selten), doch da ich wie gesagt grossen Wert auf den textlichen Inhalt von Musik lege, klingt das bei mir etwas anders. Für mich ist die «Hymne» dieser letzten Monate ein Stück, wie es gegensätzlicher kaum sein könnte zu KIZ. Und zwar das Lied «Kings Of The Carnival Creation» der Norwegischen Black Metal-Band «Dimmu Borgir». Das findet ihr in einer Live-Version, in der die Band mit dem Osloer Symphonieorchester auf der Bühne steht, hier:

…und für jene, die sich dieses Gewitter nicht in voller Gänze antun wollen (einmal mehr: dafür sind Meinungen ja da) – der Frontmann (ihn hier als «Sänger» zu bezeichnen wäre in der Tat etwas gewagt) zitiert die entscheidende Passage bereits als Ansage des Lieds, bevor es überhaupt anfängt:


“Left are the kings of the carnival creations, carrying out the echoes of the fallen.”


Was bleibt sind die selbsternannten Könige aller Dinge, die ihren Reichtum auf den Rücken der Schwächeren begründeten.


Falls euch das zu düster ist… sorry. Es IST derzeit etwas düster, doch ganz ehrlich: ich bin noch nicht so weit, dass ich deshalb zum Pessimisten werde. Auch wenn sich vieles, das im Moment in der Welt geschieht, wie eine schlecht produzierte, zweite Staffel von «every historical fuck-up, ever» aussieht, blicke ich voller Hoffnung und Zuversicht nach vorne. Denn nach dem Sturm kommt Ruhe.


Irgendwann.


In diesem Sinne,

Herzlich,

Fabian


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