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The world is wide.

Swim it.

Ride id.

Run it.

  • Fabian Kremser

Fleiss und Preise

Ich habe mich gestern ein wenig über die Mathematik unterhalten und dabei wohl ziemlich die metaphorischen Hosen heruntergelassen. Sei's drum - ich kann nicht rechnen und bin froh, wenn es ein Computer für mich übernimmt. Doch beim Schreiben fiel mir ein, dass es durchaus einmal eine Zeit in meinem Leben gab, in der ich nicht vollends von der Rolle war, was Zahlen und deren Gebrauch angeht. Was war anders?

Dass ich nach der sechsten Klasse in der Steinerschule nicht wirklich auf der Höhe einer normalen Schulbildung war, entspricht leider keiner Seltenheit, war und ist aber auch nicht der Standard. Ich hatte Pech mit meinem Klassenlehrer, der zum einen wohl pädagogisch wohl etwa so viel konnte wie zum Beispiel kleine Insekten, welche die Unterseite von Holzstapeln bewohnen und zum anderen in etwa so gut mit mir klar kam wie das Kernkraftwerk von Chernobyl mit spontan durchgeführten Sicherheitstests. Letzteres beruhte auf harmonischer Gegenseitigkeit, somit kann ich ihm nicht allein die Schuld geben.


Ich muss wohl ein ziemlicher Alptraum von Schüler gewesen sein und habe keine Probleme damit, das zuzugeben. Doch irgendwann änderte sich das - als eine besondere Frau in mein Leben trat.


Um meine "Lücken" (nennen wir die komplette Absenz von etwa kombinierten drei Schuljahren Primarstufe einmal so, klingt netter) auszubügeln, durfte ich nach der sechsten Klasse in ein sogenanntes "Übergangsjahr" an der Freien Schule Winterthur, kurz, der Freischi, wechseln. Das sollte mich auf die Sekundarschule vorbereiten.


Die Voraussetzungen waren gut: Nach sieben Jahren des teils brutalsten Mobbings unterer Flagge der Barmherzigkeit und des Miteinanders (kurz: Anthroposophie) kam ich in eine Klasse, in der sich niemand kannte. Mir wurde das zuteil, was man einen wirklichen Neuanfang nennt - und den wollte ich nutzen. Und dann kam SIE in den Raum.


Falls ihr jetzt eine unglaublich kitschige Teenieromanze erwartet... sorry. Ich lernte da nicht etwa die Liebe kennen, sondern die Frau, welche für das nächste Jahr meine Lehrerin sein würde.


Vielleicht habt ihr das auch schon erlebt: es gibt Menschen, die man nur anzusehen braucht und man weiss: ihre natürliche Autorität ist nichts, dass sie sich erzwungen haben sondern etwas, das ihnen zuteil wird, weil sie sich ohne Rücksicht auf persönliche Verluste so stark für die ihnen zugeteilten Schützlinge einsetzen, dass noch der Hinterletzte auf einmal feststellt, dass er durchaus in der Lage ist, sogar an sich selbst zu glauben.


So jemand war diese Lehrerin, zumindest in meinen Augen. Und noch in den ersten Minuten dieses neuen Schuljahres, an einem neuen Ort, in einer neuen Klasse, wuchs in mir ein felsenfester Entschluss: Kremser, die enttäuschst du nicht!


Bekräftigt wurde ich darin bereits drei Tage später. Ich wurde krank - die ganze Aufregung war zu viel für mich gewesen. Und dann rief diese Lehrerin am Abend bei uns zuhause an und fragte, wie es mir ging.

Das war wie eine Ohrfeige. Das gab es also? Lehrer - Lehrerinnen! - die sich für die Gesundheit ihrer Schüler interessierten? Ich weiss noch genau, wie ich mich damals fühlte. Was das in mir auslöste. Und dass ich noch in der gleichen Woche wieder gesund wurde, etwas, das es so kaum jemals zuvor gegeben hatte.


Die kommenden Wochen und Monate waren... besonders. Auf der sprachlichen Ebene fiel mir die Schule leicht, die meisten anderen Fächer gingen ebenfalls gut, doch das Rechnen... ich schaffte es regelmässig, an einer Prüfung eine Fehlerquote von 100% zu erzielen.


Doch meine Lehrerin schimpfte mich nie. Sie tadelte mich nie, sie gab mir nie das Gefühl, dass ich dumm sei. Sie bestrafte mich nicht. Und langsam, langsam begann sich der Knoten zu lösen.


Mir ist klar, dass wir hier nicht von höherer Mathematik sprechen, doch für mich war es eine neue Welt. Auch ich schrieb auf einmal genügende Noten. Zwar nur gerade so, aber immerhin!


Als dann die Zeit gekommen war, die Vorbereitungen für den Übertritt in die Sekundarschule in Angriff zu nehmen, bekamen wir während einiger Wochen regelmässig Dossiers mit Aufgaben mit nach Hause, die wir durcharbeiten und anschliessend korrigieren konnten. Die Idee war, dass wie die entsprechenden Übertrittstests anschliessend eigentlich bestehen könnten, wenn wir die Vorbereitungen ernst nahmen. Was ich tat. Ich ackerte wie ein Gaul.


Als der Test dann vorbei war und wir die Resultate ausgehändigt bekamen, hielt unsere Lehrerin eine kleine Ansprache und liess uns wissen, dass insgesamt drei von uns den Test nicht bestanden hätten. Mir fiel das Herz in die Hose, denn mir war sonnenklar, dass ich einer davon sein musste. Mit meiner Unfähigkeit in Mathe? Logisch, oder?


Ich hatte eine der besten Prüfungen der ganzen Klasse geschrieben und fiel fast vom Stuhl.


Nach dem Sommer kam ich an eine andere Schule - für kurze Zeit. Dort ging schon nach zwei Tagen das Mobbing wieder los, Mitschüler wie Lehrer bliesen da ins gleiche Horn. Seither ist sie wieder da, meine Schwäche im Rechnen, ich habe mich von dem erneuten Absacker nie erholt. Also kein Happy End für die Mathematik, sorry.


Wenn ich aus all dem aber etwas mitnehmen konnte - kann - dann war es das Vorbild, das mir diese Lehrerin war. Ihre Kombination aus Führung, Anleitung und Empathie lehrten mich nicht nur, auch an mich selbst zu glauben sondern auch, dass Arbeit belohnt wird und dass Geduld sich auszahlt. Wenn ich auch heute noch nicht rechnen kann: diese Werte habe ich seither nicht mehr aus meinem Leben verloren und sie sind ein wichtiger Bestandteil von allem, was ich mir in den letzten Jahren aufgebaut habe.


Während ich diese Zeilen hier tippe wird mir klar, was ich als nächstes tue. Ich werde meiner Lehrerin einen Brief schreiben, das ist mehr als nur an der Zeit. Wir sagen einander so oft, was alles nicht gut ist in der Welt - Zeit, dem ein wenig entgegen zu steuern.


Herzlich,

Fabian


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