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  • Fabian Kremser

Absichten

"Ich mache jetzt dann XY!"


XY = irgendetwas, das den vermeintlichen Status in der Gesellschaft auf die eine oder andere Art ändert. Mittel der Kommunikation: die Ankündigung. Veränderung im Leben? Meist keine…

Das kam gestern irgendwie ins Rollen, diese Überlegungen. Kommunikation, Absichten, Ankündigungen… und es lässt mich derzeit nicht los. Ich denke gerade zurück… wie oft habe ich solche Ankündigungen schon gehört? Wie oft schon gemacht? Und zu welchem Zweck?


Ich bin manchmal etwas vergesslich, war es schon immer. Wenn ich mir Dinge nicht aufschrieb, konnte es vorkommen, dass ich nach ein paar Stunden ganze Unterhaltungen wieder vergessen hatte. Unterdessen fühle ich mich deswegen auch nicht mehr schuldig oder schlecht, ich weiss, dass es anderen auch so geht.


Doch ich erinnere mich an eine Szene / Situation aus meiner Grundschulzeit. Es war zu der Zeit, als die einen oder anderen aus meiner Klasse eine Zahnspange bekamen und demnach war das ein beliebtes Gesprächsthema. Ich habe heute keine Ahnung mehr, wie es dazu kam, dass ich mich in einer solchen Unterhaltung sagen hörte: "ich bekomme heute Nachmittag eine Zahnspange".


Das war natürlich zu dem Zeitpunkt nicht wahr und ich habe, wie gesagt, keine Ahnung mehr, wie es dazu kam. Ich habe nur eine Idee: damals war ich kein glücklicher Mensch. Ich war das Mobbingopfer der Klasse, sprich, der Fussabtreter und beliebtes Ziel von Spott, Hohn und anderer Grausamkeiten. Vielleicht dachte ich damals, dass ich zu den "grossen" gehören würde, wenn ich auf einmal auch mit einer Zahnspange herumlaufen würde. Oder dass ich dadurch besser akzeptiert würde. Irgend so etwas muss es gewesen sein.


Am selben Nachmittag hatte ich das natürlich bereits wieder vergessen und dachte nicht mehr daran, bis ich am Abend dann an meinem Schreibtisch sass und mir mit einem Schreck wieder einfiel: Moment! Du hast doch gesagt, dass du morgen eine Zahnspange hast! Was jetzt?


Das einzige, was ich auf die Schnelle fand, das irgendetwas mit Draht zu tun hatte, war einer dieser Klemmverschlüsse, wie sie z.B. bei Haferflocken zum Einsatz kommen, diese zwei Drähte, die durch entweder etwas Kunststoff oder dann Karton verbunden sind. So einen versuchte ich, mir über meine oberen Zähne zu spannen und mit Knetwachs zu befestigen. Was natürlich nicht klappte. Nach einer Weile gab ich es auch auf, weil ich mir sagte, dass das niemals "echt" aussehen oder auch nur halten würde. Tja… Also würde ich mir eine Ausrede einfallen lassen müssen um das zu erklären. Oder?


Weit gefehlt, denn am nächsten Tag wurde ich genau kein einziges Mal auf meine fehlende Zahnspange angesprochen. Stattdessen verprügelte man mich in der Pause aus dem einfachen Grund, dass ich der Kremser war und nochmals die gleichen Hosen anhatte wie am Tag davor. Zugehört hatte mir also eh niemand – und interessiert hatte es erst recht nicht.


Doch das Erlebnis blieb mir, vor allem weil ich mich immer wieder nach dem Warum fragte. Was hatte mich damals dazu getrieben, schlicht die Unwahrheit zu erzählen, um… ja, um was?


Interessant machen wollte ich mich nicht, ich war in den meisten Fällen froh, wenn meine Klassenkameraden meine Existenz vergassen.

Heute glaube ich vielmehr, dass ich ganz einfach Anschluss finden, dazugehören wollte. Ich wollte… nun, Aufmerksamkeit. Wahrnehmung. Ich wollte Mitgefühl, ich wollte… gesehen werden.


Seither habe ich immer wieder mit einem sehr wachsamen Ohr zugehört, wenn Menschen in meinem Umfeld ankündigten, irgendetwas grosses zu tun, anzufangen oder zu verändern. Und ich habe ein gewisses Gespür dafür entwickelt zu erkennen, ob es die Mitteilung eines tatsächlichen Plans ist – oder eine Zahnspange aus Draht und Pappe. Ich kann mit gutem Gewissen behaupten, dass ich in mehr als 9 von 10 Fällen richtig liege.

Das heisst nicht, dass ich nicht an Menschen glaube. Doch ich habe gelernt, diese Art der Kommunikation als das wahrzunehmen, das sie ist: die Bitte darum, gesehen zu werden.


Die Blamage von damals – sofern es denn eine war, ich bin heute noch immer ziemlich sicher, dass das ausser mir gar niemand mitbekommen hat – war am Ende die Grundlage einer Fertigkeit, die ich heute in meinem Beruf sehr zu schätzen weiss, da sie mir schon oft geholfen hat.


Sie half mir dabei, besser auf meine Kundinnen und Kunden einzugehen. Und auch, meine Zeit nicht damit zu verschwenden, wenn jemand diese Methode der Ankündigung nicht nutzte, um damit um Empathie zu bitten, sondern in dem Versuch, mir einen Bären aufzubinden. Glücklicherweise ist ersteres häufiger der Fall als das Zweite, doch es kam und kommt vor. Meistens in Situationen, in denen sich die entsprechenden Menschen während des Gespräches unglaublich clever vorkommen, wenn sie Behauptungen aufstellen. In diesen Fällen geschieht es nicht, um Mitgefühl zu bekommen, sondern in dem Glauben, mich durchschaut zu haben und mir in dem Moment das zu hören zu geben, was ich hören will.

Nun… wenn ich es mir recht überlege, ist das am Ende auch nichts anderes als der Wunsch danach, ernst genommen zu werden.


Was ich aus all dem schliesse?


Vielleicht sollten wir alle uns ein wenig mehr mit unseren Mitmenschen befassen. Ihnen zuhören. Und "Ankündigungen" ein wenig tiefer zu hinterfragen. Vielleicht kann man dann einem Menschen aktiv helfen und ihm das Leben etwas bunter, sinnvoller, erfüllter machen? Das wäre den kleinen Aufwand allemal wert…


Herzlich,

Fabian


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