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  • Fabian Kremser

Abgründe

In der Englischen Sprache gibt es ein Wort, welches meiner Meinung nach um einiges treffender ist als die Bezeichnung "Abgrund" für das, was es eigentlich zum Ausdruck bringen soll: void. Leere. Aber... eben nicht einfach Leere.

Hoppla. Gestern noch Meilensteine feiern, heute wieder Kopf voran ins Dunkle?


Nein, eigentlich nicht. Doch da ich gestern UND heute zwei kleine Meilensteine erreicht habe (gestern waren es hundert Tage in Folge zu bloggen, heute sind es dank einem Schaltjahr drei Jahre in Folge Tagebuch zu führen) habe ich mich natürlich auch mal gefragt, was ich denn genau erreicht habe. Meilensteine sollen ja was markieren. Und während ich hier immer wieder teils kryptische Bemerkungen bezüglich meiner Depression vor einiger Zeit habe fallen lassen, brachte ich es dennoch nicht so ganz über mich, das hässliche Kind einmal beim Namen zu nennen.

Darum bin ich der Ansicht, dass der Meilenstein den Moment markierte, an dem es Zeit wurde, über diese ganze Sache zumindest zu schreiben. Wie weit und wie tief ich dabei gehen werde - gehen kann - weiss ich noch nicht, aber wenn ich eine Chance haben will, dieses Ding wieder los zu werden, muss ich es immerhin versuchen.


Was ist denn überhaupt eine Depression?


Es gibt so unendlich viele Definitionen in der Welt der Medizin, dass man leicht den Überblick verliert. Tatsächlich sind es so mannigfaltig viele, dass sich bei mir mit der Zeit der Verdacht eingeschlichen hat, dass jede einzelne Erklärung im Prinzip nur das grosse Ganze beschreibt: eigentlich weiss man es nicht genau. Eine Erklärung, die für mich plausibel klang und es noch immer tut, ist Folgende:


Eine Depression ist, wenn die Seele krank ist.


Dass die Schulmedizin hier schnell einmal ansteht, leuchtet mir ein, denn an einem Ort, an dem man mit Chemie auf einer mechanischen Ebene Symptome bekämpft, ist man schnell überfordert, wenn die Kausalität abhanden kommt. Ein wenig bildlicher gesprochen: die Schulmedizin flickt die Risse in der Hauswand. Was diese jedoch auslöst - eine veränderte Statik, sich absenkender Boden - wird man dadurch nicht beheben. Und schon gar nicht heilt man damit die Bewohner des Hauses, die nach und nach ob des Zerfalls ihrer Heimat immer ungesunder werden.


Diese Sichtweise lässt auch Psychopharmaka in einem ganz anderen Licht erscheinen. Was tut man, wenn in einer Strasse ein einziges Haus steht, dessen Fassade bröckelt, Risse bekommt? Exakt. Man flickt die Risse mit Mörtel, klatscht Farbe darüber und hofft das Beste. Klappt das nicht, wird das Haus abgerissen und durch einen Neubau ersetzt.


Hilft man damit dem Haus? Hilft man damit den Bewohnern?


Mitnichten. Das Erscheinungsbild wird wiederhergestellt oder runderneuert. Damit es denen, die mit dem Anblick leben müssen, nicht beunruhigt oder verängstigt werden.


Es ist so schwer, hier nicht in zynische Gedankengänge zu verfallen oder sich gar darüber auszulassen, dass unsere Gesellschaft als Solche ein wirkliches Problem hat. Auch besteht hier eine definitive Versuchung, die Schuld auf eine unzureichende, ja ignorante Schulmedizin zu schieben. Warum hilft mir denn niemand, wozu sind Ärzte denn da?


In unserer westliche Welt sind Ärzte dazu da, Symptome mit Hilfe der Schulmedizin oder Therapie zu beseitigen. Und das tun sie. Alle, die diesen beruf ausüben, haben meinen allerhöchsten Respekt.


Was sie jedoch nicht tun - einerseits, weil sie nicht dazu ausgebildet wurden, andererseits, weil man dazu niemanden ausbilden KANN - ist, die Seele zu heilen. Oder auch sonst die Ursprünge für Krankheiten aller Art.


Um den Kreis zu schliessen: was war es bei mir?


Ich kann nach wie vor keinen Finger darauf halten und sagen: DAS war es. Ebenso zuverlässig wäre es, in der Wüste eines Hangrutsches einen Kiesel aufzuheben und zu sagen: DER löste die Lawine aus....


Mir kommen einige Dinge in den Sinn.


Die Tatsache, wieder und wieder das Gefühl zu haben, nichts wert zu sein, nichts zu können (gegenteilige Erlebnisse und Bestätigungen ändern nicht viel daran, wenn man einmal in diese Sackgasse eingebogen ist). Das Gefühl, in der Welt nicht erwünscht, sondern höchstens geduldet zu sein. Menschen, die mir in meiner Vergangenheit aktiv schaden wollten und solche, die es passiv taten. Dass ich mich nie traute, mich zu wehren. Dass ich mir selbst einredete, nichts anderes verdient zu haben. Das Gefühl, nicht dazu stehen zu dürfen, was ich eigentlich von meinem Leben will und wie ich es will (weil es das Erscheinungsbild der idyllischen Strasse vielleicht stören könnte).


Das Tragische an all dem ist, dass man sich wieder und wieder selbst bestätigt, wenn man erst einmal in dieser Spirale angekommen ist. Man zieht das Pech an, weil man erwartet, Pech zu haben. "Siehst du? War ja klar." Man wird immer kleiner und kleiner in einer Welt, die immer grösser, bedrohender, fordernder wird.


Kennt ihr das Gefühl, das man hat, wenn man kurz davor ist, hintenüber umzufallen? Diese Millisekunde des Schreckens, in dem man realisiert, dass man keine Möglichkeit mehr hat, den Fall zu verhindern und in welchem man sich darauf einstellt, gleich schmerzhaft hart auf dem Boden aufzukommen? Und in der man krampfhaft versucht, genau das noch zu verhindern?


Wenn ich beschreiben sollte, wie sich eine Depression anfühlt, würde ich mit diesem Bild beginnen. So begann es für mich, sich anzufühlen. Nur dass dieser Moment nur zu Beginn einen Sekundenbruchteil andauerte, mit der Zeit immer länger wurde und irgendwann nur noch nachliess, wenn ich Nachts endlich Schlaf fand. Und dass der Boden hinter mir nicht existierte, sondern ein gähnender Abgrund, in dem ausser tiefem Schwarz nichts zu erahnen war. Und dass die Versuchung, einfach loszulassen und in dieses Schwarz zu fallen immer verlockender schien...


Gibt es hier noch etwas positives zu berichten? Oder etwas, das nicht so düster klingt?


Vielleicht dies:


Ich bin noch da.


Herzlich,

Fabian


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